Berliner Herrenausstatter stehen entweder auf Marken oder auf England

Das Slow-Wear Team sucht überall nach attraktiven Herrenaustattern, die als Einzelhändler ihren Kunden kompetent die Produkte der besten Hersteller bieten, ohne dabei groß auf Logos zu achten. Zum Start unserer deutschlandweiten Suche eignet sich da natürlich bestens die Hauptstadt.

Auf der Suche nach interessanten Herrenausstattern in Berlin bietet die neue „Mitte“ der Stadt uns das, was wir aus jeder anderen Stadt auch kennen. In Mitte ist zwar alle schön gestylt, Label nach Label, insgesamt so interessant wie der ungefähr 20seitige Werbeblock im Vorspann einschlägiger Modemagazine. Etwas Außergewöhnliches im Herren-Bereich haben wir hier nicht gefunden. Gerne wollen wir aber den Etro Laden im Quartier 206 erwähnen, der die Lifestyle-Leere dieses Konsumtempels etwas mildert.

Nach diesem enttäuschenden Start sind wir direkt in den alten Teil der Stadt gefahren. Also zurück in die modischen 80er, denn in Charlottenburg ist der Hermes „H“ Gürtel noch genauso gesellschaftsfähig wie der Alden-Schuh. Doch in diesem wunderschönen Marken-Reservat lebt auch eine ganz übersichtliche Ladenszene für Herren. Sehr präsent hier Hellmann und Mientus – aber leider beide ohne Bezug zu Slow-Wear. Denn Eigenmarke (Hellmann) oder Label-Boutique (Mientus) sind aus unserer Sicht austauschbare und mittlerweile ziemlich langweilige Konzepte.

Im Spannungsbogen zwischen Schlüterstraße und Bleibtreustraße überraschen gleich zwei Läden im italo-englischen und im total-englischen Stil. Bei British clothing findet der Besucher reichlich farbige Cordhosen, Tweed-Jacketts, Outdoor-Jacken und alles, was sonst noch so für englische Haltbarkeit steht.

Wer es gerne etwas brettig hat, ist mit diesem Angebot gut bedient. Für besseren Tragekomfort sorgen die Hemden von Giampaolo, Tirinzoni und vor allem die ungefütterten Jacketts von Boglioli aus Wolle oder Cashmere – allerdings in diesem Fall nix british, sondern made in Italy.

Im Chelsea Farmers Club ist nicht nur der Name sehr englisch, sondern auch das Interieur und sämtliche Waren.

Trotzdem nimmt sich der schön gestaltete Laden nicht so ernst und vermittelt eher einen lässigen Umgang mit der Kleidung von der Insel. Die meisten Produkte kommen aus England (und nicht aus den ehemaligen Kolonien) und werden dort im Auftrag und nach Wünschen des Chelsea Farmers Club gefertigt.

„Unsere Idee ist einfach: wir lassen mittlerweile fast 90 Prozent unserer Waren selbst produzieren, da es das, was wir uns vorstellten, zumindest in Deutschland, nicht gab. Ein gutes Beispiel ist unser Smoking. Ich wollte Seitenschlitze in der Jacke haben, eine extrem “militärische” Taillierung und irgendeinen Schutz, falls man morgens um sechs das Gleichgewicht verliert und sich in Pfützen wieder findet.

Wasserdicht durch die Nacht

Und so verkaufen wir heute mit Teflon beschichtete Smokingmonturen und alle sind glücklich.

Diese Herangehensweise zieht sich mittlerweile durch alle Produkte: Hunting-Jackets, Gewehrfutterale, Moleskin-, & Cordhosen, Covercoats bis hin zu Schals, Brieftaschen oder Reisegepäck. Der „Nachteil“ dabei: alles wird nur in Kleinserien mit geringer Stückzahl gefertigt“, erklärt Christoph Tophinke, der den Chelsea Farmers Club vor drei Jahren gegründet hat.

Samstags verwandelt sich der Laden tagsüber regelmäßig in einen handfesten Club – Freunde, Bekannte und Kunden treffen sich dann, um den ersten Gin Tonic zu versuchen und das Wochenende in der Hauptstadt zu planen. Nebenbei werden in der kleinsten Umkleidekabine der Stadt neueste Lieferungen von der Insel probiert. “Eigentlich machen wir am Samstag um 18.00 Uhr die Tür zu, aber meistens wird es 21.00 Uhr , und wir ziehen alle gemeinsam in die Nacht“, so Tophinke weiter.

Der Chelsea Farmers Club ist auch eine wunderbare Quelle guter Einzelteile, wie Strickkrawatten, Taschen, oder Schuhe. Daneben bietet er eine sehr schöne Homepage, freundlichen Service und kreativen Umgang mit den ganzen Empire-Textilen. Wenn der Laden auch künftig nicht nur zur modischen Heimat von Junkern, Landwirten und Pfeifenrauchern wird, ist der Chelsea Farmers Club die kreative Adresse in Berlin für England-Fans und Männer mit sicherer Hand für englische Einzelteile.

www.chelseafarmersclub.de

Der Berliner Hang zum englischen Stil ist etwas überraschend, denn seit die Italiener den gleichen Look in wesentlich besserer Passform und aus deutlich angenehmeren Stoffen produzieren, hatten wir mit den Produkten von der Insel schon abgeschlossen. Doch Läden wie der Chelsea Farmers Club zeigen, dass klassische und sportlich-elegante Herrenbekleidung aus England auch für eine jüngere und nicht ausschließlich Siegelring tragende Männer-Fraktion interessant ist. Vielleicht steht der gut angezogene Berliner ja auf England, weil die Hauptstadt auch so eine Art Insel war. Wie auch immer, jedes gute Herrenoutfit ist in Berlin wichtig, um eine Grenze zu den trekking- oder gesundheitsbeschuhten Touristen oder den in Versace und Gucci gewandeten Klischee-Ostblöcklern zu ziehen.

Wer nach der aufregenden Suche nach interessanten Läden für Herren hungrig ist, oder vielleicht sein müdes Haupt auf ein schönes Kissen betten will, informiert sich unter www.gotorio.de

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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