Aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 9. Dezember 2007

Von Anke Schipp
Es sind Bilder, die an Arbeitslager erinnern: blasse Menschen, die bis zu 18 Stunden an Maschinen stehen, selten das Tageslicht sehen, weil sie neben den Produktionsstätten essen und schlafen. Sie arbeiten sechs, manchmal sieben Tage in der Woche, sie leben in der ständigen Angst, von der Polizei entdeckt zu werden, denn sie sind “clandestinos” – Illegale, ohne Pass und ohne Rechte.

Jene Bilder von chinesischen Migranten, die teilweise unter unwürdigen Bedingungen in italienischen Textilfabriken arbeiten, haben am vergangenen Sonntag die italienischen Fernsehzuschauer schockiert. Dass es eine solche Parallelwelt in den Textilhochburgen des Landes gibt, ist lange bekannt, aber dass, wie der Film zeigte, sich auch italienische Luxusmarken an der Billigproduktion beteiligen, rief Empörung im ganzen Land hervor. Seit Sonntag finden sich unschöne Kratzer auf der glänzenden Oberfläche der italienischen Modewelt.

“Bei einem Luxusprodukt stelle ich mir vor, dass dahinter ein typisch toskanischer Handwerksbetrieb steht. Ich stelle mir keine Chinesen vor, die Schwarzarbeiter rekrutieren, um sie schlecht zu bezahlen. Das aber ist die Realität”, sagt Sabrina Giannini, Autorin der Dokumentation “Schiavi del Lusso” (“Sklaven des Luxus”), die in der Reihe “Report” auf RAI 3 ausgestrahlt wurde. Es ist ein ethisches, aber auch ein Imageproblem. Denn wie passt eine tausend Euro teure Handtasche, die als Symbol des Luxus gilt, zu den elenden Umständen, unter denen sie produziert worden ist?

Nach der Ausstrahlung des Films liefen die Blogs des Fernsehsenders über. Es wurde zum Boykott der genannten Marken aufgerufen. “Ich hoffe bloß, dass der Beitrag all jenen die Augen öffnet, die glauben, es sei ein Synonym für Qualität und Klasse, 450 Euro für eine Plastiktasche auszugeben”, schreibt ein Zuschauer auf der Homepage von “Report“, einer Reihe, die dafür bekannt ist, Missstände in Italien aufzuspüren.

Schon lange sehen viele Italiener das Kulturgut Mode in Gefahr. Über Jahrhunderte galten italienische Textil- und Ledermanufakturen als die besten der Welt. Es waren meist kleine Familienbetriebe, oft hochspezialisiert, die ihre Fertigkeiten von Generation zu Generation weitergaben, von denen aber viele die Globalisierung der Textilbranche nicht überlebt haben.

Der Strukturwandel lässt sich an einer Stadt wie Prato ablesen, 184 000 Einwohner, nördlich von Florenz gelegen. Bereits im Mittelalter galt sie als “Lumpenzentrum Europas”, später entwickelte sie sich zur wichtigsten Textilstadt Italiens mit dem Schwerpunkt auf der Stoffherstellung. Heute nennt man sie “San Pechino” – Sankt Peking. 20 000 Chinesen leben hier offiziell, noch einmal so viel sollen sich illegal aufhalten. Mehr als die Hälfte der 4200 ansässigen Betriebe gehören chinesischen Unternehmern, von denen einige einen Stundenlohn von zwei Euro zahlen. Es gibt keine Verträge, keinen Kündigungsschutz, keine Gewerkschaften.

Die Chinesen kamen Anfang der neunziger Jahre, als die Textilindustrie ihren Niedergang erlebte, sie kauften leerstehende Produktionshallen, holten billige Arbeitskräfte aus ihrem Heimatland und bauten Zuliefererbetriebe für italienische Textilfirmen auf. Sie fertigten die “pronto moda”, die schnelle Mode von der Stange. Dass sie auch an der Produktion italienischer Designerkleidung beteiligt sind, wirft vor allem die Frage auf: Welchen Wert hat das vermeintliche Gütesiegel “Made in Italy” überhaupt noch?

Nach wie vor lassen Luxusmarken vor allem ihre Hauptlinien in eigenen Produktionsstätten fertigen, aber bei Accessoires und Zweitlinien gehen einige Unternehmen dazu über, die Produktion Zulieferern zu überlassen, entweder in China oder in chinesischen Betrieben in Italien. Das bringt auch einen Kontrollverlust mit sich, denn die Qualität einer Ware lässt sich leicht prüfen, die Bedingungen, unter denen die Stücke gefertigt wurden, nicht unbedingt.

Als eines der wenigen Unternehmen hat sich Prada gegenüber dem Fachblatt “Women’s Wear Daily” (WWD) zu den Vorwürfen des Fernsehbeitrags geäußert. Das Mailänder Unternehmen habe 14 eigene Produktionsstätten in Italien – “der Kern unserer Produktion” -, aber auch ein Netzwerk an Zulieferern, teilweise kleine Betriebe, die allesamt einen ethischen Verhaltens-Kodex unterschreiben müssten, äußerte ein Prada-Sprecher. “Wir haben verschiedene Arten von Inspektoren, die die Qualität checken und die Arbeitsbedingungen kontrollieren, aber wir sind nicht die Polizei, und unsere Inspektoren haben nicht überall Zugang.” Von dem Subunternehmer, der in dem Film zitiert wurde, habe man sich bereits vor Drehbeginn getrennt. Dieser hatte in der Sendung angegeben, dass er gezwungen war, illegale Arbeiter zu beschäftigen, um die von Prada geforderten niedrigen Produktionskosten einzuhalten.

Eine Frage aber bleibt: Ist es legitim, eine Tasche für dreißig Euro herstellen zu lassen und sie dann für 500 Euro zu verkaufen? Der Prada-Sprecher verwies laut WWD darauf, dass die Margen geringer seien als vermutet, da es nicht nur um Produktionskosten gehe, sondern auch um die Kosten für Design, für die Qualitätskontrolle, für Verpackung, Vertrieb und den Kauf des Rohmaterials.

Nicht aufgezählt hat er das Marketing, das es braucht, um mit Anzeigenkampagnen Begehrlichkeiten zu wecken. Denn auch das zeigt der Film: Luxus ist kein Synonym mehr für Wertarbeit, sondern vor allem für ein glamouröses Image. Aber auch dieses ist durch die Vorwürfe angekratzt. Denn bislang galt “Made in Italy” immer noch als ein Versprechen. “Wir müssen vermeiden, dass wir das hohe Ansehen, das unsere Produkte auf der Welt haben, nicht verspielen. Wir müssen schnell reagieren”, sagte Diego della Valle, Chef des Lederwarenherstellers Tod’s und ein Verfechter des italienischen Traditionshandwerks, in der Dokumentation.

Mit welchen Tricks Waren als “Made in Italy” verkauft werden, obwohl sie in China produziert wurden, deckte die amerikanische Journalistin Dana Thomas in ihrem jüngst erschienenen Buch “Deluxe – How Luxury lost its Luster” auf. Sie recherchierte in chinesischen Fabriken, in die sie nur Einblick erhielt mit dem Versprechen, keine Marken zu nennen. Doch sie hat in den Produktionsstätten auch solche Labels vorgefunden, die geflissentlich abstreiten, ihre Taschen in China fertigen zu lassen. Es ist ein diskretes Geschäft: Eine vertrauliche Vereinbarung gebietet Schweigen gegenüber jedem Außenstehenden. Abgesandte von Marken, die in chinesischen Unternehmen fertigen lassen, erfahren auch nichts über die Konkurrenz: Die Labelmanager bekommen jeweils nur den Teil der Fabrik zu sehen, in denen ihre Ware hergestellt wird. Ein Verfahren, das ähnlich kompliziert sei, wie sich einen Tross an heimlichen Geliebten zu halten, schreibt Dana Thomas.

Die wenigsten Taschen tragen nach ihrer Fertigstellung dann tatsächlich das Label “Made in China”. Entweder wird es gut versteckt an den unteren Saum der Innentasche genäht, oder man bedient sich des Patchwork-Tricks: Die Tasche kommt aus China, aber der Henkel oder der Verschluss aus Italien. Das reicht, denn nur dreißig Prozent eines Produkts müssen in Italien hergestellt sein, damit es am Ende das Gütesiegel “Made in Italy” tragen darf.

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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