Die Visitenkarte ist zwar in Zeiten elektronischer Datenübermittlung ein fast anachronistisches Kommunikationsinstrument. Doch sie ist mehr als nur ein Datenträger aus Papier, denn das ästhetische Niveau ihres Besitzers spiegelt sich auch in der Visitenkarte. Wir zitieren zum Thema einen Beitrag von Alexander Marguier, dem Autor des Luxus-Lexikons.

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Hat der Papst eigentlich eigene Visitenkarten? Wenn ja, was steht da wohl drauf: Die Adresse? Seine Handynummer? Und als Berufsbezeichnung “Heiliger Vater”? Eher nicht, aber als Oberhirte der katholischen Kirche verfügt der Mann ja über einen gewissen Popularitätsvorsprung und kann damit rechnen, das auch Zufallsbekanntschaften über seine Funktion oder seinen Wohnort recht gut Bescheid wissen. Was nicht heißen soll, Prominente würden grundsätzlich auf Visitenkarten verzichten – selbst dann nicht, wenn sie glauben, daß ohnehin jeder sie kennt.

Frank Sinatra beispielsweise hat sich seine Namenskärtchen bei der Druckerei Bölling in Bad Soden anfertigen lassen, genauso wie Herbert von Karajan, etliche Bundespräsidenten, Ministerpräsidenten und andere Kollegen aus der Spitzenpolitik, der Hochfinanz oder dem Unterhaltungsgewerbe. Und sei es nur, um einer jungen Dame, mit der man sich in der Hotelbar angeregt unterhalten hat, die Zimmernummer nicht auf einen Bierdeckel kritzeln zu müssen.

Allemal ist eine Visitenkarte weniger ein profanes Stückchen Karton als vielmehr Spiegel der Persönlichkeit ihres Trägers: Welche Schriftart wurde gewählt? Wie groß sind die Lettern? Und vor allem: Was steht darauf? Auch wenn moderne Benimmfibeln ihren unerfahrenen Lesern heutzutage ans Herz legen, außer der Anschrift sowie Telefon-, Handy- und Fax-Nummern noch sämtliche E-Mail-Adressen (und am Ende wohl auch noch sexuelle Präferenzen oder das aktuelle Handicap beim Golf) zu vermerken, gilt gleichwohl: Weniger ist mehr. Der Schauspieler Otto Eduard Hasse etwa beließ es bei den Initialen seiner Vornamen – und räumte damit der Phantasie eines Kartenempfängers fast jeden erdenklichen Platz ein.

Wem das zu minimalistisch erscheint, kann durchaus seinen vollen Namen prägen lassen, zur Not sogar samt Adresse und höchstens einer Telefonnummer. Vornehmer wird eine Visitenkarte durch Detailreichtum und Geschwätzigkeit allerdings nicht, weshalb auch von Titelhuberei Abstand zu nehmen ist. Es sei denn, man wählt sich den einstigen ugandischen Diktator und Analphabeten Idi Amin zum Vorbild, auf dessen Karten immerhin 13 Titel verzeichnet waren.

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Zu Zeiten Kaiser Wilhelms II. galt es unter Stahlbaronen als schick, seinen Namen auf ein Stück Blech prägen zu lassen. Welch eine hübsche und originelle Idee! Ob Bauunternehmer ihre Angaben zur Person dementsprechend in Backsteine haben ritzen lassen, ist nicht überliefert – jedenfalls hat sich zum Glück die Visitenkarte aus Karton durchgesetzt.

Ein Betrieb, der wie Bölling in Bad Soden auf feinste Stahlstichprägungen spezialisiert ist, verwendet naturgemäß nur edelsten Karton oder handgeschöpftes Büttenpapier von exklusiven Papierherstellern wie Gmund aus dem gleichnamigen Ort am Tegernsee. Gutes Papier kann man übrigens hören, es klingt beim Anschnippen weniger hart als Industrieware. Auch der Tastsinn ist gefordert, denn die Stahlstichtechnik erzeugt jenes erhabene Schriftbild mit dem typischen Gegendruck auf der Rückseite, von dem es heißt, ein Butler müsse es durch die weißen Handschuhe mit dem Daumen gerade noch fühlen können. Klassische Stahlstich- Schriftarten sind “Engraver” (eine Antiqua mit feinen Serifen) oder “Chevalier” mit einer feinen Schraffur innerhalb des Schriftkörpers, besonders schön lassen sich per Stahlstich aber auch Wappen jeglicher Art auf Karten prägen. Wie für die Schrift (was rund drei Euro je Buchstabe kostet) wird das Motiv zunächst in eine Stahlplatte geätzt und anschließend mit einem Stichel von Hand nachgraviert. Der reine Druck schlägt mit rund einem Euro je Visitenkarte zu Buche.

Wer der Uniformität des Scheckkartenformats entgehen will, kann sich seine Visitenkarten natürlich auch in größerer Ausführung anfertigen lassen – beispielsweise neunzig auf fünfzig Millimeter, wie es früher in Deutschland üblich war. Dadurch passen die Karten zwar nicht mehr in jede Brieftasche, aber genau dort sollten sie auch keinesfalls aufbewahrt werden, weil selbst weniger hochwertige Exemplare durch die ständige Bewegung Schaden nehmen. Ein Etui aus Leder von Kreis ist für eine aufwendig gemachte Visitenkarte schon eher das passende Domizil.


DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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