Liebe Freunde,

neuerdings beschäftigen sich – vermutlich unter dem traumatischen Eindruck des omnipräsenten italienischen Pullis – die deutschen Medien wieder mit dem Thema Mann und Stil. Da bei werden beherzt Regeln auf der Mottenkiste  der textilen Bevormundung hervorgezaubert. Ursprung der liebsten Regel „No brown in town” oder „No brown after six” ist England, denn hier verortet der Deutsche ja gerne die Heimat des parkettsicheren Gentlemans. Und so stellt Jens Jessen den häufig braunbeschuhten Silvio Berlusconi in der ZEIT als den bedeutendsten Modesünder hin, der braune Schuhe zu blauen Anzügen trägt. Der Autor, augenscheinlich in textilen Fragen nicht sonderlich bewandert, reiht sich hier ein in so ahnungslose Artikel wie den Beitrag „Männer, denkt an die “Never-Brown” Regel” in der Zeitung “Die Welt”, oder die possierliche Video-Serie „Einfach Stil” bei Spiegel-online.

Jetzt fragt sich der geneigte Betrachter, warum gerade ein so von Unsicherheiten geprägtes Thema wie Herrenbekleidung in deutschen Redaktionen immer nur von Männern ohne erkennbare Kompetenz beschrieben wird, wo doch jeder Motorredakteur immer fahrerische Fähigkeiten wie auch umfangreiches Know-how zu dem von ihm beschrieben Thema besitzt. Die Antwort ist so einfach wie traurig, in Wahrheit ist das Thema in Deutschland fest in der Hand von selbsternannten Stil-Redakteuren, ältlichen Stil- und Etiketteberatern und natürlich auch den Gefährtinnen des zu bekleidenden Mannes. Und so sucht der deutsche Mann sein Heil in schwarzen Schuhen (Obermaterial Leder), rechtfertigt diese Entscheidung mit Regeln von einer fernen Insel und aus einer längst vergangen Zeit und blickt scheel auf seine Zeitgenossen, die mit braunen Schuhen zum dunklen Anzug (zumindest tagsüber) eine gute Figur machen.

Nun ist der deutsche Hang zur Uniform historisch tief verwurzelt und ein Besuch in der Frankfurter Fußgängerzone zur Mittagszeit beweist: Deutscher Mann, Dein Schuh ist schwarz. Hier und in den meisten deutschen Innenstädten herrscht soviel Individualität wie auf einen NVA-Apellplatz. Um die eigene Mutlosigkeit mit einer Prise Individualität zu kaschieren, trägt der Schwarzschuh dann meist noch eine grelle Krawatte, die selten in einem geschmacklich akzeptablen Zusammenhang zum Rest des Outfits steht. Da ist der Italiener einfach überlegen: Statt seine Bekleidung nach der DIN-Norm auszuwählen, pfeift er auf alte Regeln und zeigt „Sprezzatura”.

Die von Herrn Jessen zitierte „ Grundeinsicht gesitteter Herrenbekleidung” ist weniger mit der Farbe des Schuhs beschäftigt, als vielmehr damit, dass Herren sich dem Anlass gemäß kleiden, bei der Wahl ihrer Garderobe auf Qualität und Passform achten, mit ihrer Erscheinung Freude bereiten und sich aus der Masse wohltuend abheben und nicht ein grau-schwarzer Teil von ihr werden. Und Achtung, ihr Stilpäpste: der englische Gentleman hat die „No-Brown-Regel” schon seit Jahrzehnten mit dem tragen ochsblutfarbener Pferdelederschuhe elegant ausgehebelt. Die sind Tagsüber im Sonnenlicht braun, aber nach Einbruch der Dunkelheit schwarz.

Jetzt ist die Bundesregierung gefordert: Nur die Einrichtung einer eines nationalen Bad-Tailors für schwarze Schuhe, Anzüge mit kapuzengroßen Nackenfalten, farbenfrohe Krawatten, toxische Moderedakteure, Stilexperten und den gesamten Kleiderschrank von Oskar Lafontaine kann jetzt noch helfen, Deutschland vor der Stil-Katastrophe zu bewahren.

Euer Edelardo

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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