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Wir sind ja nicht nur zum Spaß hier, sondern auch, um die wissenschaftlichen und historischen Hintergründe guter und schlechter Kleidung zu erforschen. Unsere Freundin Melanie Grundmann, Deutschlands berühmteste Dandy-Forscherin, unterstützt uns dabei und hat freundlicherweise einen schönen Text zum Thema Dandy und  “Krawatte” verfasst.

Siegeszug eines Accessoires

Die Krawatte ist das wohl beliebteste Accessoire des Mannes. Ob uni, gestreift, mit Punkten oder sonstigen Mustern besetzt, gibt sie jedem Outfit den letzten Schliff. Den Siegeszug verdankt die Krawatte nicht einem, sondern dem Dandy schlechthin: George Bryan ‘Beau’ Brummell (1778-1840). Die vollendet gebundene Krawatte wurde unter seiner Ägide zum zentralen Kleidungsstück aller Dandys. Ein Gedicht berichtet von einem Dandy, der Stunden benötigte, damit seine Krawatte so aussah, als sei sie in Windeseile geschnürt worden:

»My neckcloth, of course, forms my principal care,

For by that we criterions of elegance swear,

And costs me, each morning, some hours of flurry,

To make it appear to be tied in a hurry.«

Dies ist natürlich ein direkter Verweis auf Brummell, dessen Diener eines Morgens dabei beobachtet wurde, wie er eine Unmenge Krawatten aus dem Zimmer des Dandys trug. Darauf angesprochen, antwortete er lapidar: »Oh, they are our failures.« Eine zur Perfektion gebundene Krawatte konnte viel Zeit in Anspruch nehmen, da viele  Exemplare ausgemustert wurden, die nicht ausreichend gestärkt oder sorgfältig gebügelt worden waren. Brummells Stilvermögen haben die Dandys auch den gestärkten Kragen zu verdanken, die, nach Aussage eines Dandys, schönste Erfindung der Moderne. Jahrelang rätselte die modische Gesellschaft, wie die Kragen des konkurrenzlosen arbiter elegantiae zu ihrer vollendeten Form fanden.

Erst nach seiner Flucht vor den Gläubigern auf den Kontinent fand man eine Notiz, die das Geheimnis verriet: »My friends! starch is the thing.« Der gottähnliche Status Brummells und die enorme Importanz der gestärkten Krawatte zeigen sich in der Aussage eines Dandys, der einen Schwur nur in folgender Form leisten würde: »By the memory of Brummell’s cravat.« Neben der stilsicheren schwarzen, trugen die Dandys auch rote und grüne Krawatten aus Seide oder Satin, auch vor einem lilafarbenen Exemplar aus Gros de Naples-Seide schreckte ein wahrer Trendsetter nicht zurück, weiße Krawatten waren hingegen erst nach Sonnenuntergang geduldet. Der Vergleich der Krawatte mit einem Folterwerkzeug, das den Dandy zu erwürgen drohe, verweist auf die übertriebene Steifheit des Accessoires. Der Dandy erschien wie ein Gefangener, der nur zur Seite sehen konnte, wenn er sich mit ganzem Körper umdrehte. Dabei waren die Halsbedeckungen nicht nur gestärkt, sondern oftmals auch riesig, was der dandystischen Extravaganz vollkommen entspricht. Verziert wurden die Krawatten mit Broschen oder Smaragden, unter denen Rüschen hervor quellten. So mancher Dandy konnte auch durch den bloßen Krawattenknoten beeindrucken, der in seiner Breite und Länge ein Wunder an Fingerfertigkeit vorstellte.

Mehr über die Mode des Dandys in “Dandiana. Der Dandy im Bild englischer, französischer und amerikanischer Journalisten des 19. Jahrhunderts”, erschienen im Verlagshaus Monsenstein & Vannerdat.

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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