ef-skizze red

Liebe Freunde,

ich habe mit Interesse zu Kenntnis genommen, das es sehr verschiedene Auffassungen unter Euch gibt, wie eine gute Anzugsschulter und ein Revers auszusehen haben, um Euch zu gefallen. Gut So!

Aber worum geht es eigentlich? Kleidung ist ja außerhalb der Schutzfunktion ein Stilmittel, das jeder dringend braucht, sobald er von den Proportionen des L` uomo vitruviano abweicht.

Duco

Seien wir mal ehrlich, das trifft leider auf die Allermeisten von uns zu. Deshalb hat ja auch die Studie von Leonardo eine derart zeitlose Eleganz und Schönheit. Apropos Leonardo: Ich dachte neulich, ich hätte seine Reinkarnation in einem Stehcafe in Rom gesehen, es war aber nur mein früherer Grundschulkamerad Kurti Penzberger, der sich seit seiner abgebrochenen Friseurlehre aus Protest nicht mehr rasiert. Er arbeitet jetzt beim Vatikan und bügelt dort die Pluderhosen der Schweizergarde. Ist aber ziemlich alt geworden.

Selbstportrait_Leonardo_da_Vincis

(Kurti Penzberger)

Zurück zum Thema: Also alle außerhalb der vitruvianischen Proportionen, wie gesagt die große Mehrheit,  brauchen deshalb selbst dann Kleidung, wenn es warm genug zum Nacktsein ist. Durch den goldenen Schnitt zu goldenen Proportionen. Das ist aus meiner Sicht die eigentliche Aufgabe des Schneiders, nämlich einem Herren die Möglichkeit zu geben, sich auf seine persönliche Art und Weise den Proportionen zeitloser Schönheit anzunähern und dabei den einen oder anderen Defekt elegant auszugleichen. Hier sind die Wege noch mannigfaltiger als Schulterformen und Revers. Allen gebührt unser Respekt, auch wenn Manches besser gefällt. Ich bin persönlich ein Fan der neapolitanischen sog. „leichten Schulter“, auf der sich so manches einfach besser nehmen lässt. Aber wie gesagt, entscheidend ist der ganz persönliche Stil, er muss nicht jedem Gefallen.

Von diesem luftigen und klaren gedanklichen Aussichtspunkt erschliesst sich dann auch, warum z.B. ein Kurzarmhemd mit Krawatte und Anzug ein ungewöhnlich grausamer Akt des Sartorialterrrorismus ist. Nimmt man den L´uomo vitruviano zum Ausgangspunkt, dann wollen diese Kerle mit ihrem Aufzug wohl Contergankinder foppen. Für Menschen aus meiner Generation ist das nicht lustig, sondern sowohl optisch als charakterlich eine Manifestation der Hässlichkeit. Von Tätlichkeiten gegenüber diesen Gesellen rate ich ab, hätte aber insgeheim schon Verständnis dafür. Das solche Stillosigkeiten keiner Lektüre eines Stilführers bedürfen, sollte eigentlich klar sein, denn stilvolle Kleidung hat weniger mit Lesen und mehr mit Sehen und Reflektion zu tun
Euer

Edelardo

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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