VON ALEXANDER MARGUIER

Sie geben das Fell für den teuersten Stoff der Welt: Vicuñas, einst vom Aussterben bedroht, sind im Hochland der Anden ein lange vermisster Wachstumsfaktor.

Der Weg zu einem vollendeten Luxusprodukt kann äußerst lang und beschwerlich sein. In diesem Fall ist er auch noch voller Schlaglöcher von derartigem Ausmaß, dass selbst ein ausgewachsener Geländewagen mitunter an seine Grenzen stößt. Fünfzig, höchstens sechzig Kilometer sind es von einer Alpakafarm, die als Zwischenstation dient, bis hinauf nach Picotani, auf 4800 Metern Höhe in den südperuanischen Anden gelegen. Die Fahrt dauert dennoch an die fünf Stunden, oft ist Schritttempo angesagt. Regen und Schneeregen wechseln einander mit sonnenlichten Momenten ab, die Temperaturen schwanken beinahe im Minutentakt zwischen dem Gefrierpunkt und angenehmen zwanzig Grad. Alpakaherden säumen hier und da die Schotterpiste, ansonsten wirkt die raue Berglandschaft wie ausgestorben. Im Morgengrauen ist Paolo Zegna aufgebrochen, bei seiner Ankunft in Picotani ist es bereits Mittagszeit.

Dass der Präsident des italienischen Bekleidungshauses Ermenegildo Zegna sich persönlich auf diese mühsame Reise begibt, um bei der jährlichen Schur dabei zu sein, ist so ungewöhnlich nicht: Der Mann hegt eine aufrichtige Liebe zu allem, was mit Stoffen, Fasern und Textilien zu tun hat und kultiviert dabei eine Qualitätsversessenheit, die ihn regelmäßig dazu treibt, am Ursprungsort nach dem Rechten zu sehen. Außerdem werden an diesem Tag keine gewöhnlichen Alpakas geschoren, sondern ihre hochprätentiösen Anverwandten: Vicuñas, deren Fell auch als “Gold der Anden” bezeichnet wird – und zwar nicht nur wegen einer gewissen farblichen Nähe zum Edelmetall, sondern vor allem aufgrund des vergleichbaren Preisniveaus. Wer sich einen Vicuña-Anzug leisten will, sollte zumindest im Besitz einer goldenen Kreditkarte sein, denn 20 000 Euro sind durchaus nicht ungewöhnlich.

Paolo Zegna (mit Mütze)

Paolo Zegnas Besuch in Picotani, eher eine lose Siedlung denn ein richtiges Dorf, ist von den Einwohnern nach allen Regeln der ihnen zur Verfügung stehenden Event-Kunst vorbereitet worden: Der berühmte Gast und prominente Kunde wird mit einer Handvoll Konfetti beworfen und bekommt ein paar Papiergirlanden um den Hals gehängt, bevor in einem eiskalten Versammlungsraum stampfende Tänze für ihn aufgeführt werden und eine kleine Kapelle sich rührend darum bemüht, ihren Instrumenten trotz der gliederversteifenden Temperaturen halbwegs gerade Töne zu entlocken.

Die Zeremonie dauert zum Glück nicht allzu lange, das eigentliche Ereignis lässt nämlich nicht auf sich warten.

“Chaccu” sagen die Einheimischen dazu, wenn es den filigranen Vicuñas einmal im Jahr ans Fell geht, denn weil die Tiere so eigenwillig sind, verdient der Tag ihrer Schur nicht nur eine eigene Bezeichnung, sondern erfordert noch dazu eine generalstabsmäßige Vorbereitung. Vicuñas sind zwar Herdentiere, aber im Gegensatz zu den willfährigen Alpakas – beide gehören übrigens zur Familie der Kamele – lassen sie sich nicht in Gehegen einpferchen, sondern beanspruchen die freie Wildbahn. Um sie zusammenzutreiben, müssen deshalb Hunderte Männer und Frauen im Abstand von jeweils mehreren Metern eine kilometerlange Schlange bilden und die scheuen Tiere in einer Art Zangenbewegung auf immer kleinerem Raum zusammentreiben, bis schließlich fast anderthalbtausend Exemplare beisammen sind.

Mit einer elektrischen Schermaschine wird einem nach dem anderen dann das Fell abrasiert, bevor sie wieder in die Freiheit entlassen werden.

Schon die Inkas wussten um die besonderen Vorzüge der Vicuña-Behaarung; einer alten Inka-Legende zufolge handelt es sich bei dem grazilen Paarhufer umdie Reinkarnation einer schönen Jungfrau, der man einen Mantel aus reinem Gold anbot, damit sie auf die Annäherungsversuche eines alten, hässlichen Königs einging. Aus diesem Grund durfte das Vicuña nicht getötet werden – es sei denn, um dem König zu dienen. Dass es heute in den Anden überhaupt noch Vicuñas gibt, ist allerdings bei weitem keine Selbstverständlichkeit; in den sechziger Jahren war die Spezies vom Aussterben bedroht, in Peru wurde damals der Bestand auf 5000 Tiere geschätzt. Einmal mehr waren es die spanischen Eroberer gewesen, die die Natur aus dem Gleichgewicht gebracht hatten,indem sie jahrzehntelang eine gnadenlose Jagd auf das Vicuña veranstalteten – nicht nur der Wolle wegen, sondern auch um Weideland zu gewinnen. Dank rigoroser Schutzmaßnahmen und staatlicher Reglementierung des Handels mit den Fasern ist die Zahl inzwischen wieder auf schätzungsweise 150 000 gestiegen. Wilderei kommt zwar immer mal vor, aber weil der Markt von nur einigen wenigen Firmen kontrolliert wird, ist es beinahe unmöglich, “illegales” Fell zu Geld zu machen.

Seit 1994, also ein Jahr nachdem der Handel mit dem kostbaren Rohmaterial überhaupt wieder erlaubt wurde, existiert das “Internationale Vicuña-Konsortium”, dem neben Ermenegildo Zegna auch der italienische Stoffhersteller Loro Piana angehört; in Zusammenarbeit mit den peruanischen Behörden ist man um eine nachhaltige Wollproduktion bemüht, deren Erlöse zuvörderst der indigenen Bevölkerung in den Vicuña-Gebieten zugutekommen: Weil die freilaufenden Tiere nicht im Besitz von Farmern, sondern der Allgemeinheit sind, fließt das Geld direkt an kleine Gemeinden wie Picotani, dessen Einwohner sich als Wildhüter engagieren und die jährlichen “Chaccus” organisieren. Gleich nach der Schur befreien sie außerdem die Felle vom gröbsten Dreck und bereiten sie für den Weitertransport an Manufakturen vor, wo die Fasern noch einmal in Handarbeit gereinigt werden, bis sich das Ursprungsgewicht um die Hälfte reduziert hat. Aus Vicuña-Wolle gewebte Stoffe sind von einer Weichheit, die Kaschmir wie grobes Sackleinen wirken lässt. Sie sind darüber hinaus extrem leicht und halten besonderswarm, was auch an der einzigartigen Feinheit der Fasern mit einem Durchmesser von lediglich zwölf tausendstel Millimetern liegt – ein menschliches Haar ist ungefähr sechsmal dicker. Trotz der gewachsenen Bestände hat das Fell von den Vicuñas Seltenheitswert:Nur ungefähr 250 Gramm Wolle fallen bei der Schur eines Vicuñas an, zudem dürfen die Tiere höchstens einmal alle zwei Jahre unter den Schneideapparat. Die gesamteJahresproduktion beläuft sich auf gerade mal 5000 Kilo gereinigtes Vicuña-Fell; bei Kaschmir sind es dagegen sage und schreibe 10 000 Tonnen. Daher auch die extrem hohen Preise: Für ein Kilo Rohfasern werden den Einwohnern von Picotani um die 500Dollar gezahlt, ein laufender Meter fertigen Vicuña-Stoffs kostet um die tausend Euro.

Was daraus an Kleidern geschneidert wird, ist denn auch nichts für jedermann: Viel mehr als hundert Vicuña-Anzüge und -Mäntel pro Jahr hat Ermenegildo Zegna überhaupt nicht im Verkauf, und als Sharon Stone vor ein paar Jahren für ihren Vicuña-Mantel einen passenden Gürtel haben wollte, gab es ein kleines Problem, weil das Material dafür knapp geworden war. Von einem richtigen Markt könne eigentlich keine Rede sein, sagt Paolo Zegna, dem die Leute aus Picotani inzwischen ein kleines bisschen Blut aus dem angeritzten Ohr eines Vicuña ins Gesicht geschmiert haben, weil die Tradition es angeblich so will. Eher habe man es mit einer kleinen Gemeinde an Kennern und Liebhabern zu tun, die sich für den exquisiten Stoff begeistern könnten. Mit seinem Engagement für die zierlichen Tiere nimmt Zegna eine Familientradition wieder auf: Schon sein Vater verarbeitete deren Wolle, bis in den fünfziger Jahren der Handel damit für die nächstenvier Dekaden verboten wurde.

Dass er jetzt wieder erlaubt ist und noch dazu aufgrund der nachhaltigen Art der Wollgewinnung sogar die Vicuña-Population zu vergrößern hilft, bereitet dem Mailänder Textilunternehmer sichtlich Freude. Denn natürlich verdient er damit Geld, und das goldene Vlies aus den Anden überhaupt im Programm zu haben, ist mit Sicherheit auch für das Renommee seiner Firma ein Gewinn.

Aber wer die Gelegenheit hatte, Paolo Zegna bei einem “Chaccu” zu beobachten, der ahnt, wie sehr es ihm vor allem Spaß bereitet, beidiesem urtümlichen Ritual dabei zu sein. An einem Ort, der mit der Luxuswelt der Zegna-Showrooms ungefähr so viel gemein hat wie die Menschen in Picotani mit einerverwöhnten Hollywood-Actrice.

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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