Slow-Wear ist ja auch ein Fan-Club der wenigen kompetenten inhabergeführten Herrenausstatter in Deutschland. Wir beobachten die possierlichen Besitzer und ihre stetes Bemühen um Qualität und Service mit allergrößtem Wohlwollen. Doch wenn sich diese bedrohte Spezies vor dem endgültigen aussterben retten will, dann muss Kunden künftig mehr als Schaufensterdeko und Verkaufsraum geboten werden. Die Verkaufs- und Handelslandschaft wandelt sich und Kunden, die jünger als 60 sind, erwarten zunehmend von dem Händler Ihres Vertrauens auch eine gewisse Kompetenz in Umgang und Nutzung der „Neuen“ Medien. Merke: Schon heute werden in Deutschland 5 Milliarden Euro Umsatz mit dem Verkauf von Bekleidung im Internet gemacht – Tendenz steigend.

Während zu Beginn des Internetzeitalters das digitale Spielfeld nur von Massenmarken und deren Handelspartnern genutzt wurde, ist heute auch das schönste sartoriale Highlight über das Netz verfügbar. Shoppinplattformen wie yoox oder stylebop bieten vieles via Internet, was die geschätzten Herrenausstatter nur im Regal oder auf dem Bügel zeigen, Selbst Ebay bietet eine größere Online-Auswahl als unsere Ritter des guten Zwirns.

Erstaunlich: denn statt die ewigen gleiche Sale/Jubiläumsverkauf/Midseason-Sale Nummer abzuziehen und Kunden mit auf eindimensionale Botschaften reduzierten Mailings oder dem Anzeigenfriedhof  der “Maskulin-Gruppe” zu quälen, könnten Deutschland hochwertige Herrenausstatter ein nicht minder hochwertiges Online-Angebot für sich nutzen. Aber schon der Besuch der Homepages unserer Freunde zeigt die fehlende Kompetenz im Umgang mit der digitalen Welt. Altbackene oder hochgestylte Online-Auftritte, oft nicht aktuell, meist mit den Websites der Hersteller verlinkt und daher auch ohne individuelle Informationen zu den Produkten, verderben schnell jeglichen Wunsch die digitale Seite unserer Stilpäpste weiter zu durchdringen.

Neuerdings versucht sich der eine oder andere in sozialen Netzwerken oder – ganz modern – betreibt einen Blog. Doch leider kommt man hier nicht über platte Eigenwerbung und die nervtötende Ankündigung der x-ten Trunkshow hinaus.  Warum keine Online-Shops? Andreas Gerads vom Stilmagazin hat es mit Einstecktuch.com vorgemacht – mit wenig Aufwand entsteht ein nettes virtuelles Geschäft.

Es geht ja nicht darum, die erklärungsbedürftigen Produkte, wie Anzüge oder Jacketts, online zu verschachern – hier stehen nach wie vor der persönliche Kontakt und die Kompetenz des Verkäufers im Mittelpunkt. Vielmehr ist es ein Online-Service für die Männer, die Erfahrungen mit den Produkten haben, ihre Größe und die Passform kennen und die einfach keine Lust haben, wegen eines Finamore-Hemdes, einer Broska-Krawatte oder eines Inglese-Einstecktuchs durch Deutschland zu reisen. Ein Mausklick und schon kommt das Teil per Post – schön wär’s.

Stattdessen eröffnen die Textil-Unternehmen temporäre Outlets, zahlen Miete und Personalkosten und erzielen so eine Reichweite von gefühlten 10 Kilometern. Warum gibt es noch keine Händler-Plattform für Ausverkaufs- und Restware, die ja Deckenhoch in Lagern liegt und die wir zu jedem Schlussverkauf aufs Neue präsentiert bekommen? Ein ganzjährig nutzbares virtuelles Outlett brächte auch kontinuierlich Liquidität und erschlösse neue Zielgruppen. Nämlich die Männer, die eben nicht den regulären Preis zahlen wollen, aber an einem reduzierten Stück gefallen finden und sich vielleicht künftig dann doch zu größeren Investitionen verführen lassen.

Guckst Du nach Holland: Frans Boone macht’s mal wieder vor, ein netter Start ins Online-Zeitalter. Wir haben uns eine Finamore Polohemd bestellt und es kam schön verpackt mit freundlichen Grüßen aus Sluis. Auch der Hamburger Ausstatter Braun hat seine recht diffuse Markenwelt schon ins Netz gestellt, gut gestylt, schlecht getextet, aber sehr nutzerfreundlich und sicher auch kompetent. Das gleich gilt für Soer.

Fazit: Wenn der Online-Auftritt und auch die Einkaufsmöglichkeiten im Netz als moderne Serviceleistungen für Kunden begriffen werden – und so sehen wir das – dann sind unsere „guten“ Herrenausstatter voll im Abseits. Und das ist echt schade!

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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