Seit vergangener Woche tobt ein (Klassen)Kampf im Deutschen Bundestag, zwei männliche Abgeordnete (Linkspartei und Grüne) wollten ihre Aufgabe als Schriftführer ohne Krawatte bewältigen – allerdings hatte der Ältestenrat des Bundestages, wohl in Kenntnis der unterirdischen Bekleidungsstilistik deutscher Politiker, die Krawatte für die Schriftführer vorgeschrieben. Mutig widersetzen sich die beiden Politik-Hinterbänkler dieser Vorgabe und lassen sich nur als Kämpfer für die Menschenrechte feiern.

Abgesehen davon, das sich die Würde einer Institution auch in der Bekleidung von Mandatsträgern spiegeln sollte, ist diese Debatte hauptsächlich eines: deutsch. Denn wo in der Welt wird das Tragen einer Krawatte als Angriff auf die persönliche Freiheit begriffen und gelingt es schlecht bekleideten Politchargen daraus auch noch mediale Aufmerksamkeit zu ziehen. Parlamentarier in England, Frankreich und sogar größtenteils in Italien würden eine solche Debatte nie führen, warum auch?

Wie eingeschränkt muß die Freiheit im Denken sein, um sich für so einen Bullshit herzugeben. Zitat Jürgen Trittin: “Man darf in Deutschland ohne Krawatte Karstadt retten, aber nicht im Bundestag Schrift führen. Das ist absurd.” Ja, Jürgen, und die Freiheit der Republik wird nicht am Hindukusch, sondern unter dem Adamsapfel von Sven-Christian Kindler verteidigt. Gerne erinnern wir uns hier an die Metamorphose von Josef Fischer, dessen politischer Widerstand mit Turnschuhen zum (schlechten) Anzug begann und der auf dem Gipfel seiner Macht mit Gerd (Brioni) Schröder um die Deutungshoheit des feinen Zwirns wetteiferte.

Und auch der Gründungsvater der Linkspartei verzichte nie auf die Krawatte:

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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