Wir haben uns bei Gertraud Wallmann in ihrem Geschäft Wallmann Lederwaren in Wien umgesehen und den Aktenkoffer Ferdinand (“Schulzkoffer”) etwas näher begutachtet.

Der Aktenkoffer Ferdinand – eine Entwicklung des Wiener Taschners Norbert Schulz – ist nicht nur das Ergebnis umfassender Denkarbeit, sondern erfordert auch vom Hersteller Detailliebe, handwerkliche Perfektion und Wissen um historische Herstellungsverfahren.

Die charakteristische Handnaht ist Markenzeichen und Qualitätsgarant: kaum ein anderer Aktenkoffer besticht durch sein schlichtes Design und seine hohe Verarbeitungsgüte.

Story vom Aktenkoffer Ferdinand:

-Entwicklung des Koffers in der Lederkoffermanufaktur Schulz.

-Weiterentwicklung und Ausreifungsprozess in der Fa. Schulz.

-Übernahme des Know-hows rund um den mittlerweile als “Schulzkoffer” bekannt gewordenen Koffer durch die Fa. Hicker.

-Das Wissen rund um die Fertigung des Koffers wird an wenige Mitarbeiter weitergegeben (darunter das Lehrmädchen Gertraud Wallmann).

-Namhafte Lederwarenhersteller versuchen die Kofferbauart zu kopieren- jedoch ohne Erfolg.

-Gertraud Wallmann eröffnet (nach dem Konkurs der Fa. Hicker) ihr Unternehmen in Wien und fertigt nach dem überlieferten Wissen in traditioneller Art den Schulzkoffer unter der Modellbezeichnung “Aktenkoffer Ferdinand” weiter.

Making of Ferdinand

-Grund-Muster nach den Entwicklungen der Fa Schulz – im Detail dann auf den Kundenwunsch abgestimmt.

-Der Kern des Koffers ist aus Pressspanpappe der mit dem Außenleder kaschiert (verbunden) wird.

-Die dadurch entstandenen festen Teile werden durch beidseitiges Nähen mit zwei Nadeln und Fäden durch die spätere Kofferkante miteinander verbunden. Diese Handnaht-Technik – das sogenannte Loschen – wird kaum mehr gekannt und daher nur von wenigen Spezialisten angewandt. Das Loschen bietet aber gegenüber einer normalen Nähmaschinennaht mit Unterfaden große Festigkeits- und Langlebigkeits-Vorteile.

-Nachdem das grobe “Grundgerüst” des Koffers Form angenommen hat, wird er mit unzähligen kleinen Details ausgestattet: Schlossmontage, aufnähen des Henkels, einsetzten der Bodennägel, einnähen der Deckelhalterung etc.

-Abschließend wird dem Koffer das Innenleben und die Deckeleinrichtung hinzugefügt.

Material für Ferdinand

-Außenleder: Rindsleder, vegetabil gegerbt: das Leder kommt in vielen Fällen aus einer Gerberei bei Verona wo noch im Fass gegerbt wird: das daraus entstehende Leder ist besonders weich und geschmeidig, lässt sich feiner verarbeiten und bietet dennoch selten hohe Belastbarkeit. Farben nach Wunsch.

-Futterleder: Schweinsvelours.

-Beschläge: vernickelt oder aus Messing in massiver Ausführung.

Vorzüge vom Ferdinand

Durch den speziellen Aufgang des Koffers, wodurch sein Boden verlängert aufliegt, erreicht er in geöffnetem Zustand eine besonders hohe Standfestigkeit und Stabilität. Das versehentliche Zuklappen des Deckels oder das „Wegkippen“ des ganzen Koffers wird dadurch verhindert.

Durch die damit gewonnenen Eigenschaften wird es bei dem Koffermodell möglich, ausgefallene und sehr speziell konstruierte Koffereinrichtungen anzubringen – James Bond Features und so.

Über den Herrn Hicker schrieb die Wiener Zeitung unter dem Titel “Ein ambitionierter Fabrikant” einen schönen Artikel – was ihm wirtschaftlich aber wohl nix genutzt hat.

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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