Der  marketingtechnisch auf den Füßen diverser Philosophen über den Dächern von Solomeo wandelnde Brunello Cucinelli sagte letzten Herbst  gegenüber dem Handelsblatt: „Ich suche Investoren, die verstehen, dass auch das Ebitda seine Würde hat“. Nun scheint es aber so zu sein, dass unser Brunello C. die Würde des Einzelhändlers nicht so ganz wichtig nimmt. Wie alle globale Marken bietet er mittlerweile vom Schlüsselanhänger bis zur Jogginghose ein schier gigantisches Produktportfolio. Parfüm (Eau de Plato?) ist sicher bald im Programm – Piere Cardin lässt grüßen. Der von ihm propagierte „Totallook“ ist leider auch nur noch eine Markenunifom, quasi die Hülle vom Scheitel bis zur Sohle.

Und natürlich vermarktet Cucinelli, dessen Ruf auf die harte Arbeit vieler kleiner und engagierter Einzelhändler gründet, seine Produkte über einen eigenen Webshop (powered bei yoox) und eröffnet fleißig Monobrandstores. So kann er dann auch gleich die Handelsmarge zugunsten seines Ebitda vereinnahmen.  Sein Umgang mit kritischen Händlern, so hören wir aus der Branche, die beispielsweise die teilweise schlechte Paßform der Jacketts kritisieren, soll im Ton kein Beitrag zur „Liebe der Weisheit“ sein. Hier vergißt er offenbar schnell sein “Credo“. Im letzten Jahr hat sich bereits Charly Diehl von der Marke verabschiedet und nun sehen wir erstaunt, dass Cucinelli in besseren Modekaufhäusern auftaucht – auch das geht natürlich zu Lasten der kleineren Einzelhändler. Aber die können sich natürlich  nicht die geforderten Stückzahlen leisten.  Schade, denn Cucinelli bezeichnet den deutschen als seinen “Heimatmarkt”, warum er nun die kleinen Händler in diesem Land ausbremst, bleibt das Geheimnis seiner Philosophie.

Wir beobachten Cucinelli seit vielen Jahren, seine Kollektion hatte und hat fraglos zahlreiche Highlights, die Qualität ist vorbildlich, aber nun schlägt er den Weg der „großen“ Marken ein und das ist betriebswirtschaftlich sicher richtig, aber im Hinblick auf Würde (und nicht nur die des Ebitda) und im Umgang mit den Händlern, die dieser Marke zum Erfolg verholfen haben, aber für uns eher fragwüdig und auch irgendwie nicht im Einklang mit seinen „Ethics“.

Nun strebt Cucinelli einen Börsengang zur Sicherung seines Unternehmens, vielleicht auch zur Finanzierung seiner Expansion an. Seit längerem geistert das Gerücht durch die Branche, dass sich Diego Della Valle an Cucinelli beteiligt habe. Was ja zumindest im Hinblick auf den Zugang zu Geschäften in den weltweit besten Lagen nicht so ungeschickt wäre. Ausserdem rettet Della Valle mit dem privaten Investmentfonds “Charme”, gemeinsam mit  Luca di Montezemolo und dessen Sohn Matteo, gerne hochwertige italienische Marken. Demnächst ja wohl auch das Colosseum.

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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