“Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel”

Nietzsche

Mit dem Jahr 2012 geht eines zu Ende, das für die von uns beobachteten Themen nur Mittelmaß geliefert hat. Im Zentrum des allgemeinen Gejammers um Euro-Krise hier, Konsumflaute da, Markendominanz dort und Internethandel hüben hat der von uns so geschätzte Handel wie alle Jahre zuvor keinen Ansatz einer neuen Idee gezeigt. Die einzig nennenswerte Dynamik spiegelt sich in der Preisentwicklung, hier zeigt sich Fortschritt zu Lasten des Kunden. Es gilt – und darauf können wir uns auch 2013 freuen – der Leitsatz: Das Alte wird gewendet.

Mit dem Abgang von Möller und Schaar hat die Branche einen großen und traditionsreichen Betrieb verloren – neue Player sind nicht in Sicht und so ist das Biotop des (Fach-) Handels hochwertiger Herrenbekleidung eine aussterbende Welt. Darüber hinaus werde mit übertriebenen Margen-Kalkulationen die wenigen verbleibenden individuellen  (Nicht-Marken-) Hersteller gleich noch mit marginalisiert. Dazu hatten wir uns an dieser Stelle ja schon ausführlich ausgelassen.

Wir sehen dann auch im kommenden Jahr Einzelhändler, die davon schwadronieren, ein “Kulturgut” zu verteidigen (so gehört in einem kleinen Taunusstädtchen), mit dem Verkauf von Teigwaren italienisches Flair vorgaukeln (in einem norddeutschen Oberzentrumchen) oder sich mit geschmacksbefreiten 08/15 Katalogen bei Ihren Kunden produzieren (hier die sogenannte Maskulin-Gruppe) – so weit, so schnarch.

Die wenigen Ausnahmen, hier seien stellvertretend Lewin (leise, elegant und mit tollen Produkten), Chelsea Farmers Club (laut und lustig, Facebook-Verkäufer des Jahres) und die agilen Altkempen Charly Diehl (2012 mit neuem Laden), Bernd Waltemode (mit glaubwürdigen und freundlichem Marketing und der besten Weihnachtskarte) und Dieter Kuckelkorn (immer souverän in der Doppelrolle als Händler und Produzent) genannt, sind ein Hoffnungsschimmer. Immerhin.

Die Lage der meisten Hersteller ist schwierig und der Handel kann mit seinen überkommenen Konzepten keinen Lösungsbeitrag leisten. Selbstvermarktung und Verkauf in Eigenregie ist ein Versuch einzelner Hersteller, der aber nur funktionieren kann, wenn Preisgrenzen, die wir für Bekleidung  als realitätsfern erachten, unterboten werden.

Diese Konkurrenz und ein wenig Preiskampf würden dem Gewerbe sicher nicht schaden und der kulturverteidigende Textil-Münchhausen müsste dann auch nach Handschuhen für die unsichtbare Hand des Marktes gucken. Hier hat uns Angelo Inglese, offenbar der schwachen Händlerschaft überdrüssig, mit einem Webshop überrascht. Und siehe da, Preise zum staunen und darüber hinaus noch ein einfach und gut gemachter Shop.

Der Feinolini Club gibt uns heftigen Anlaß zur Selbstkritik, hier haben wir viel versprochen und bisher nix gehalten. Aber die Resonanz war einfach zu gut und der Aufwand, mit so vielen Menschen auf einmal zu kommunizieren, kollidiert doch sehr stark mit den Anforderungen unseres Berufsalltags jenseits dieses Forums. Dennoch: der Feinolini Club wird kommen, zumindest als eine Versuchsplattform für alternative Vertriebs-Konzepte und für Hersteller, die in Deutschland keinen Vertrieb finden, jedenfalls keinen professionellen, Ideen gibt’s genug, weitere sind willkommen.

Gute Sachen haben wir auch gesehen: Cordone 1956 ist eine Entdeckung,  Fioroni fertigt  hohe Qualität und ansprechendes Design, Dieter Kuckelkorn ist und bliebt der Schuhmi des Handels, Bernd Kreis produziert leise die schönsten Gürtel und legendäre Reisetaschen, Jörg Broska liefert vom Schal bis zum Einstecktuch die besten Accessoires und Uwe Maier von Amtraq hat die feinsten Badehosen im Programm.

Also, da geht doch noch was, oder?

 

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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