Ach, in Florenz war Modemesse? Na sowas. Gibts jetzt Jacken aus Reissäcken, die in China umgefallen sind?

In diesem Jahr fällt – ins Unerträgliche verstärkt durch Facebook – vor allem die Selbstinszenierung der auf der Pitti Uomo sichtbaren Vertreter der Textilbranche ins Auge. Die übertriebene Selbstdarstellung (jenseits des Marketings für ein Produkt) und das „raushängen“ lassen, ist jetzt offenbar auch jenseits der Markenbesessenen salonfähig geworden. Das passt recht schön zum Thema der Ausstellung „Privat“, die derzeit in der Frankfurter Schirn gezeigt wird und die sich damit auseinandersetzt, was Menschen bereits sind, von sich preiszugeben.

Auf der Pitti Uomo zeigt offenbar jeder alles allen:  Die Messe markiert einen wesentlichen Unterschied zu herkömmlichen Fashionshows, denn hier fühlt sich das männliche  Publikum aller Altersklassen offenbar als Model. Der omnipräsente Lino Ieluzzi, der hauptsächlich durch seine Farbkombinationen auffällt und der seit gefühlten 30 Jahren behütete und rotbeschuhte Herr Joseph zählen hier ja schon zu den „Klassikern“. Was sonst noch so rumläuft, ist eher erschreckend. Geckenhafte Panier allenthalben, überdreht, überfrachtet, überflüssig, denn jeder versucht irgendwie aufzufallen, dabei sehen alle merkwürdig gleich aus. Ältere Herren verkleiden sich im „Preppie-Look“ und wirken wie Studenten des 3. Lebensabschnitts. Dazu gibt es in der Gentlemen´s Gazette einen sehr kundigen Bericht mit Bildergalerie des Schreckens zu sehen. Fehlt nur noch, dass der Pitti-Mann uns seinen Pippi-Mann zeigt.

Die ondulierte Sprezzatura der meisten Händler, Hersteller, Schneider und Einkäufer mit Knötchen, Bändchen und Blümchen gleitet recht schnell ins exhibitionistisch-pornohafte ab – und geht damit als Distinktionsmerkmal völlig verloren. Der geneigte Kunde würde sich wünschen, dass die Zeit, die hier für die persönliche Selbstgestaltung geopfert wird, eher zugunsten der Qualitätssicherung der jeweiligen Produkte investiert werden würde.  Insgesamt wird deutlich, dass Stil eben mehr als Bekleidung ist und  der alte Spruch „Weniger ist mehr“ nichts von seiner Bedeutung verloren hat.

Der dezente Auftritt ist die Sache der Modebranche nicht, aber es wäre doch wünschenswert, dass die clowneske Selbstaufgabe nicht zum Maßstab für Stil und Geschmack wird. Kostümierung ist was für Karneval, Männer mit Geschmack und eine vernünftigen intellektuellen Grundausstattung wissen: Kleidung soll die Persönlichkeit unterstreichen – nicht ersetzen.

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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