Nach unserer  – hier schon oft vorgetragenen – liberalen Ansicht, soll jeder nach seiner Facon glücklich werden: Das betrifft auch Hersteller vermeintlich guter oder besonderer Produkte.

Zum Thema Schuh ist eigentlich alles gesagt – aber offensichtlich nicht von jedem. Jetzt meldet sich Herr Weber mit einem „Business-Laufschuh“ zu Wort. Die Geschichte dieses Schuhs ist eng mit dem persönlichen Manager- und Fußschicksal von Herrn Weber verwoben,  er hatte nämlich Zeit seines aktiven Managerlebens Probleme mit seinen bezehten Freunden. Nun könnte man denken, dass es sich hier um ein Einzelschicksal handelt und der Gute einfach medizinischen Rat suchen sollte. Aber mitnichten, Herr Weber, Ex-Unternehmenslenker und Fußweh-Entrepreneur, bereichert die Schuhwelt mit einer Eigenentwicklung: Dem Weber-Schuh.

Courtesy Conrad Hasselbach

Die konstruierte Story, aus der die Berechtigung für sein Produkt hergeleitet wird, liest sich wie ein Lore-Schicksalroman. Wir zitieren: „Manager sind Leistungssportler. Sie legen beschwerliche Wege auf Flughäfen und Bahnhöfen zurück, rennen Taxen, Bussen und Bahnen hinterher, besuchen Konferenzen, laufen zu Meetings. Sie stehen an Vortragspulten, Podien, in Seminarräumen, Hotel-Lobbys und eilen tagelang über die Messen dieser Welt. Ein Berufsleben lang. Diese Gelände waren auch für Matthias Weber einst so etwas wie ein persönliches Manövergebiet. Jede Stadt, jeder Flughafen, jede Halle ein Exerzierplatz: Stehen, gehen, rennen, bis die Lichter ausgehen. In seiner Verantwortung für diverse Handelsunternehmen war jeder Tag für den 45-Jährigen auch so etwas wie ein Kampftag in der ewigen Auseinandersetzung, wer das Etikett „unverwüstlich“ wirklich verdient: der Schuh oder der Fuß. Gegen seine schmerzenden Füße half Weber auch nicht, dass Schusters Rappen rahmengenäht und aus gepflegtem Pferdeleder waren.

Eine scheinbar ausweglose Situation. Das Problem: Manager können zum Anzug nicht an den Füßen tragen, was für ihr Laufpensum erforderlich wäre. Sie tragen vom Scheitel bis zur Sohle, das, was ihrer Position angemessen ist. Das ist oft schön, teuer und gut. Aber eben kaum geeignet, einen oft zehnstündigen Arbeitstag mit anschließendem Abendprogramm im Wortsinne durchzustehen. Eingezwängt in glänzendes Schuhwerk, das zwar zum Anzug eine ordentliche Figur macht aber im Arbeitsalltag in erster Linie eines bringt: Schmerzen. Warum also gibt es für jede noch so kuriose Nischensportart einen speziell optimierten Schuh – nicht aber für den Leistungsport, den sämtliche Geschäftsleute auf der ganzen Welt jeden Tag ausüben“.

Die ganze Litanei steht hier.

Wem die Schuhe gefallen, der soll sie tragen. Aber aus einem getunten Gesundheitsschuh mit ärztlichem Attest die Revolution der Schuhbranche auszurufen, ist wohl etwas übertrieben.

Wir kennen Herrn Webers Füße nicht, aber auch nicht Top-Manager stehen und gehen viel in ihren Schuhen, dabei ist es weder wichtig, oder diese aus Pferdeleder, von Alden oder rahmengenäht sind, entscheidend ist die individuelle Passform. Und wenn auch ein Maßschuh nicht passt, ist entweder der Schuhmacher unfähig oder der Schuhträger.

Mit viel deutschem Overengineering ist hier ein Gesundheitsschuh entstanden, der auch noch die Haltbarkeitsfetischisten begeistern soll, denn die Sohle aus thermoplastischem Polyurethan (TPU) ist abriebfest und günstig zu reparieren. Zitat: „TPU ist hoch-abriebfest und damit Reparatur-unanfällig. Sollte dennoch eine Verletzung der Sohle entstehen, so kann jeder Schuhmacher den Ansatz oder die Sohle abschneiden bzw. abschleifen und mit einem neuen Gummi- oder Kunststoff-Fleck neu besohlen. Es sind sogar orthopädische Zurichtungen durch geschulte Orthopädie-Techniker möglich. TPU ist darüber hinaus kältedämmend, wasserressistent und rutschhemmend – ideal für wechselhaftes Wetter!“

Abriebfest ist eine Eigenschaft, der wir höchsten bei der Wahl unser Autoreifen Beachtung schenken.  Und bei der Schuhreparatur wollen wir die wenigen Fachleute nicht zu Kunststoffschnitzern degradieren, demnächst kommt dann noch die Reparatur bei ATU.

Allerdings tut der Schuh, bis auf seine turnschartige Fersenregion, so, als sei er ein Business-Original, quasi Stealth-Krücke. Der Ansatz, Gesundheitsschuhe zum wichtigsten Problemlösung von Managern hochzustilisieren ist innovativ, aber die Warengruppe wird von Anbietern wie Sioux oder Bär Bequemschuhen geprägt und nicht vom Wettbewerb mit Kuckelkorn oder Edward Green. Die Funktional-Hühneraugenfraktion, die sich solchen Produkten gegenüber aufgeschlossen zeigt, trägt sicher auch Unterhemden mit Silberfäden (Managerschweiß), nur Sportmanschetten (Manager- Time-Management), Kompressionsstrümpfe (Manager-Durchblutung) und „Maßanzüge“ von Dolzer (Manager-Kopie).

Wir treten doch lieber weiter fest mit Ledersohlen in gut passendem Schuhwerk vom Fachhändler auf.

 

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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