Der Chinese: Jetzt sorgt sein Konsumverhalten auch noch dafür, dass die Lieblingsrohstoffe unserer Schneider und Schuhmacher entweder nicht mehr verfügbar sind oder nur zu Preisen, die, in Kombination mit den zwanghaften Margen des Handels, ein ungläubiges Kopfschütteln verursachen. Was ist passiert? Weltweit kaufen unsere Freunde aus dem Reich der Mitte Rohstoffe, um der steigenden Nachfrage des wachsenden Mittelstands Rechnung zu tragen. Und so gehen Wolle und Schaffelle aus Neuseeland, komplett und direkt, an die stets freundlichen und zahlungsfreudigen Asiaten. In Deutschland warten wir nun seit drei Monaten vergebens auf den Schaffellhandschuh zur Schuhpolitur.

Der Italiener, von Haus aus ein begabter Jammerer, erzählt uns mit gebrochener Stimme, dass die Chinesen nun auch den Cashmere-Markt dominieren. Man kauft direkt beim Produzenten, die Bestellung ist einfach zu verstehen – sie lautet: alles. In der Folge werden Preise heute täglich an den Rohstoffbörsen gemacht und nicht, wie Jahrzehnte zuvor, zu fixen Preisen für ein ganzes Jahr. Nebenbei erwirbt der Chinese auch noch den einen oder anderen Hersteller – gerade jetzt hat man sich an einem Hersteller von Harris Tweed beteiligt – quasi McPeking.

Haben wir unsere Freunde aus dem fernen Osten lange Zeit nur als lächelnde Junkies für die Massenware der sogenannten Luxusindustrie betrachtet, wird nun deutlich, dass mit viel Kapital nicht nur alles gekauft wird, was wir produzieren, sondern jetzt auch die Produzenten und die Hersteller der Vorprodukte auf dem Einkaufszettel stehen

Wir denken nun darüber nach, ein paar Ziegen, eine handvoll Schaffe, zwei bis drei Rinder im Innenhof unseres Frankfurter Büros anzusiedeln, vielleicht ja das Rentenmodell der Zukunft. Wer heute noch einen sechsfädigen Cashmere-Pullover besitzt: ausziehen und ab ins Bankschließfach.

 

 

 

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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