Unter dem Titel „Mit aller Tracht“ begrüßt uns heute der ansonsten sehr geschätzte Alfons Kaiser auf der Titelseite der FAZ. Hintergrund: das Oktoberfest und der Trachten-Hype. Ein Thema, dass uns in den letzten Tagen gefühlte 900000 Mal begegnet ist. So, nun auch die Zeitung aus Frankfurt. Was hat er uns zu sagen, unser Herr Kaiser? Wir zitieren:

„Die Fragen zu Dirndl und Lederhose gehen heute weit über München hinaus. Ist der Dirndl-Look auch in Berlin ein Thema? (Natürlich.) Wie verträgt sich Mieder und Schürze mit Apfelwein und Handkäs’? (Passt.) Und muss es Oktoberfeste in Chicago und Kampala geben? (Warum nicht?)

Denn das Original-Oktoberfest, das am Sonntag in München nach zwei langen Wochen zu Ende geht, hat eine einzigartige Karriere hinter sich. Das größte Volksfest der Welt ist nicht nur ein Exportfaktor ersten Ranges, das den Ruhm des deutschen Bieres in den letzten Winkel trägt. Es hat auch den unvergleichlichen Aufstieg eines Stils befördert, der noch vor einer Generation eher verachtet als belächelt wurde: Dirndl für Frauen und Lederhosen für Männer sind heute ein Großtrend.

Da mögen zur Wiesn-Zeit in Mailand und Paris die Designer-Schauen über die Bühne gegangen sein – wie fad im Vergleich zum Laufsteg Wirtsbudenstraße. Die Alltagsmode mag sich weiter der Häresie der Formlosigkeit aus durchlöcherten Jeans, bunten Turnschuhen und rapperhaften Kapuzenjacken hingeben – ein schlechter Witz im Licht der bayerischen Kleidung, die Wunder vollbringt, nämlich Ungläubige zur Tradition bekehrt, Unförmige in Form bringt, Schattenfiguren zu Lichtgestalten befördert.“

Wir wissen nicht, welche Lichtgestalten auf dem Oktoberfest gesehen wurden, aber Dirndl und Lederhosen als einen neuen Stil zu feiern, ist schon etwas befremdlich. Letztlich rennen tausende ausserbayerische Lebensformen in Trachtenmontur umher, tun dies auf dem Oktoberfest in München, in Bottrop, Hamburg oder Hoyerswerda und verkleiden sich als Bayern. Warum verkleidet sich niemand als Maori, Bauer aus der Uckermark oder Franzose? Klar, weil Karneval noch nicht auf dem Programm steht. Aber was ist denn diese Volksverkleidung sonst?

Wir beobachten mit großem Vergnügen und Respekt die Rückkehr der Tracht bei jungen Menschen, insbesondere dort, wo diese Kleidungsform einen Bezug zur Tradition der Region aufweisst. Damit einher gehen auch handwerkliches Geschick und das Bewusstsein von Qualität bei der Herstellung von Tracht. Der Traditionsbezug von Boris Becker in der Lederhose oder der eines mittelmäßigen Frankfurter Werbers, der auf einer Bierzeltgarnitur in Sossenheim sitzt, scheint aber überschaubar. Zumal die Klamotte ja von irgendwelchen Designern oder mittlerweile auch aus dem Otto-Katalog kommt.

„Der Style soll nicht Jodeln“ hat Markus Meindl kürzlich im FAZ Magazin gesagt, der Redakteur sollte sich daran ein Beispiel nehmen.

Geht auch anders:

SZ-Redakteurin Violetta Simon hat ihre Ansichten unter dem Titel “Servus, Bling-Bling Toni” und „Heiliger Rupfensack“ etwas differenzierter  zusammengefasst.

Gute Lederhosen gibt es übrigens auch bei Lederhosen Aigner in Berchtesgaden.

 

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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