Am Ende des Jahres machen wir uns so unsere Gedanken über die Zukunft des Einzelhandels. Wie seit Jahren ist bereits in der Vorweihnachtszeit das Sale-Fieber ausgebrochen und die Preise fallen zwischen 30 und 50% auf alles (ausser Tiernahrung). Ein Business, das offenbar nur mit Preisreduzierungen noch seine Kunden findet, lässt aber erhebliche Zweifel am Geschäfts –oder Preismodell aufkommen. Die wenigen Herrenausstatter haben es leider über die Jahre versäumt, ihren einstmaligen Wettbewerbsvorsprung, der im wesentlichen aus Know-how, Erfahrung, solidem Kundenstamm, ausgezeichneter Kenntnis von Produkten und Herstellern und sicherem Geschmack besteht, dauerhaft zu halten.

Gleichzeitig mit kontinuierlich steigenden Preisen für eher unbekannte aber dafür handwerklich gut gemachte Produkte hat der Handel seine verkäuferische Kompetenz nicht verbessern können. Kosten für ein komplettes Outfitt auf Kleinwagen-Niveau, ein alternder Kundenstamm, volle Lager, ausbleibende Neukunden, sterbende oder größenwahnsinnige Hersteller und ein scharfer Wettbewerb von „exklusiven“ Kaufhäusern und Internetanbietern lassen die einstigen Stars am Herrenbekleidungshimmel heute alt aussehen.

Neue Geschäftsmodelle oder zumindest eine Kombination aus stationärem Handel und Internetpräsenz sind kaum zu finden, stattdessen gehen viele der ehemaligen „Stilbestimmer“ heute wieder zurück zu alten Marken und so halten Boglioli-Anzüge, Cohen-Hosen und Fay-Mäntel – die es in jedem Eckerle- oder Ulli Knecht-Laden in den Fußgänger-Zonen der Republik auch gibt –  Einzug in die Regale. Ein fragwürdiges Comeback, denn damit geht dann auch noch das schöne differenzierende Distinktionsmerkmal einer alternativen und labelfreien Warenwelt verloren.

Diese Rolle rückwärts beschädigt natürlich auch die wenigen kleinen Hersteller, die demnächst ohne Handel in Deutschland auskommen müssen. Vielleicht ist der Handel ja tatsächlich ein Auslaufmodell, dem die kalte Hand des Marktes jetzt die Augen zudrückt, aber wer versorgt uns dann in Zukunft mit interessanten Produkten?

Die Reste der Warenwelt, über die Slow-Wear seit Jahren berichtet, brauchen zum Überleben keine innerstädtischen Verkaufsräume mit allerlei Design und ästhetischer Wichtigtuerei.  Sie brauchen auch nicht länger den Handel und dessen Preisbestimmungsmonopol, benötigt wird einzig der Zugang zum Kunden. Angesichts der Besonderheit der Waren muss es ein persönlicher sein, denn Passform, Verarbeitung und Haptik spielen hier immer eine große und wichtige Rolle. Für Kunden soll mit einem neuen Geschäftsmodell nicht nur der Zutritt zu einer spannenden Warenwelt erhalten bleiben, vielmehr muss auch ein marktfähiges Preismodell entwickelt werden, denn nur so können neue Interessenten gewonnen werden.

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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