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Und wieder öffnet das stilistische Sommerloch gähnend seinen Schlund: Die Süddeutsche Zeitung stammelt unter dem Titel „Hinfort mit den Krawatten“ einen halbherzigen, allgemeinsplatzschwangeren und sprachlich einfallslosen Text rund um die Krawatte daher. Sekundiert wird der ahnungslose Autor Oliver Klasen (der angeblich keine „abgegriffenen Sprachfloskeln“ mag) vom Franz Beckenbauer der deutschen Gentleman-Ingenieurswissenschaft: Bernhard „Stil-DIN“ Roetzel. Wir lesen Bonmots wie: „Der wichtigste Tipp, den Stilberater Roetzel gibt, ist sehr beruhigend: “Achten Sie bei der Krawattenwahl in erster Linie auf ihre persönlichen Proportionen und erst in zweiter Linie auf die Mode.” Roetzel, sprachlich und inhaltlich voll auf Ballhöhe, beobachtet messerscharf: “Der derzeit noch angesagte Slim Fit funktioniert nur bei schmalen und schlanken Typen wirklich gut”.

Leider zeigt sich in der redaktionellen Berichterstattung „klassischer“ Medien nicht nur saisonal, sondern ganzjährig eine krasse Einfallslosigkeit gepaart mit fehlender Sachkenntnis. Ewig wiederkehrende Anzug-, Schuh-, Hemden und Uhren-Ratgeber wechseln sich mit markentrunkenen Berichten – die eher an „Advertorials“ erinnern –  rund um die großen Schauen der sogenannten Luxusmarken (und Anzeigenkunden) ab. Auch herausragende Magazine wie Cicero beschäftigen mit Alexander Grau einen selbsternannten Stil-Kritiker, dessen Kolumne beim Leser einen anhaltenden Phantomschmerz nach einer totalen Inhaltsamputation bewirkt.

Selbst ein absoluter Ausnahme-Star wie FAZ-Redakteur Alfons Kaiser muss seine Sachkenntnis in einem inhaltlosen Hochglanz-FAZ-Magazin auf das Niveau redaktioneller Werbeträger wie der GQ herunterschreiben. Und als wäre die Verarmung der Handelslandschaft und die Uniformierung unserer Innenstädte durch „Luxus-Marken“ nicht schon traurig genug, müssen wir nun auch feststellen, dass Print zumindest beim Thema Herrenbekleidung geistig tot ist.

Es bleibt ein Rätsel, warum sich Redakteure, die ja täglich über weitaus komplexere Sachverhalte eloquent berichten, bei diesem Thema in „Ewig grüßt das Murmeltier-Manier“ sprachlich und inhaltlich nur Langweile und Allgemeinplätze verbreiten. Die stets gefragten „Stilberater“ leben davon, dass sie sich äußern, sichtbar bleiben und regelmäßig bei Deichmann Verkäufer für Geld schulen. Ihnen kann eigentlich niemand einen Vorwurf machen, denn schließlich besetzen Sie eine Lücke, die erst durch nachlassende Kompetenz des Handels, fehlende Vorbilder, Verarmung des Angebotes und einer wachsenden Freizeitkleidung-Bewegung entstanden ist.

Das schwarze Loch des Stils ist da.

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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