Galgen

Eigentlich ist Urlaubszeit und die textile Front verharrt im Stellungskrieg mit Schlußverkaufs-Munition vor dem zu erwartenden Einbruch der Wintersaison. Diese leblose Zeit nutzen Redakteure gerne, um mit allerlei Blödsinn Zeilenhonorare zu schinden. Wir lesen also unter dem Titel „Der schleichende Tod der Krawatte“ in der Welt den x-ten Abgesang auf den Binder. Nun ist es uns in der Regel völlig gleichgültig, in wieweit etwas als modisch, attraktiv oder auch uninteressant deklariert wird (es sei denn, wir tun es), aber Karsten Seibel, ein Finanzredakteur mit Sitz in Frankfurt, versucht in seinem dünnen Stück einen ganz besonderen Zusammenhang zwischen der fraglos rückläufigen Zahl der Krawattenträger und einer neuen Ethik in der Finanzbranche darzustellen.

Wir zitieren: „Bäuche ohne baumelnde Krawatten davor müssen also nicht negativ sein. Sie können auch für Aufbruch stehen: das Ende der Uniformität als Zeichen des angestrebten Kulturwandels in der Finanzbranche. Statt wie in der Vergangenheit den anderen als Lemming hinterherzulaufen – und dann gemeinsam in den Abgrund zu stürzen –, geht der eine oder andere endlich eigene Wege. Er weiß, dass ihm ein Kopf ohne Binder nicht abgerissen wird. Vorgaben dürfen hinterfragt, Entscheidungen korrigiert werden. Und das beginnt am Morgen, vor dem heimischen Kleiderschrank. Es könnte sich lohnen, Krawattenzählungen vor einzelnen Banken in Frankfurt zu machen. Je geringer die Krawattendichte, desto freier die dort arbeitenden Köpfe, desto zukunftsfähiger das Institut. Eine charmante Theorie. Um die Zukunft des einst von Kroaten eingeführten Kleidungsstückes stünde es dann freilich nicht gut – zumindest in Frankfurt. Aber das wäre für ein stabiles Bankensystem zu verkraften“

Für geschmacklich eher verhuschte Männer ohne stilistisches Selbstwertgefühl, die Kleidung nur als Teil einer Sicherheits-Uniformität verstehen, mag die Krawatte ja möglicherweise ein Joch am Hals sein, aber am „Ende“ ist sie einfach ein Stück gefalteter Stoff, der zu manchen Anlässen geboten ist und oft einfach nur eine individuelle und elegante Note des Trägers ermöglicht.

Offene Hemden sind meist attraktiv, in vielen Anzügen ohne Krawatte wirken deren Träger aber wie Mitglieder des iranischen Revolutionsrates. Die Bequemlichkeitsdoktrin ist hier häufig genug kritisiert worden, aber eine Krawatte ist eigentlich nur in der Sauna oder auf dem Tennisplatz hinderlich, ansonsten ist sie einfach eine Zier (meistens), daher nutzlos aber schön. Ganz sicher ist sie kein Barometer für den „Kulturwandel“ in den Banken und keinesfalls ist sie geeignet um im Kontext von Sozialgeschwurbel als Symbol der Unterdrückung gebrandmarkt zu werden.

Wir halten es mit Balzac: “Ein Mann ist soviel wert wie seine Krawatte. Durch sie enthüllt sich sein Wesen, in ihr manifestiert sich sein Geist. Der Geist des Mannes zeigt sich in seiner Fähigkeit, die Krawatte zu binden“ und empfehlen für den Protest gegen einfallslose Bekleidung Krawatten von

Broska, Petronius und Cordone 1956

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL