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Die schier endlosen Debatten um die Zukunft der Krawatte eint eines: Sie ist im Wesentlichen langweilig. Gebetsmühlenartig wird ein Leben ohne Krawatte als Sieg über Uniformität, Zwänge, Normen und Konventionen beschrieben. Phantomschmerzen wie Druck- und Würgegefühle durch das Tragen einer Krawatte sind ebenfalls Teil einer in diesen Tagen typischen deutschen Bequemlichkeitsdebatte. Was ist: Heerscharen von Anzugträgen irren mit offenen Hemdkragen durch deutsche Innenstädte und sehen aus wie Genossen des iranischen Revolutionsrates – der imaginierte Sieg über die vermeintliche Uniformität der Krawatte führt geradezu zu einer Uniformität der blässlichen Langeweile.

Die Krawatte ist schon lange kein Teil der Uniform mehr, sondern ein – wenn richtig in Gebrauch – hervorragendes Stilmittel um auch „formalen“ Kleidungsstücken Individualität und Eleganz zu vereinen. Dumm nur, dass es an Vorbildern für den richtigen Einsatz der Krawatte mangelt, Fernsehansager, Sportkommentatoren oder Günther Jauch sind leider Protagonisten des schlechtesten aller Geschmäcker – Jauchs textile Statements erinnern uns stets an die biedere Bürgerlichkeit eines Erich Honecker.

Normierte Bankangestellte in grauen Anzügen, weißen Hemden und mit schwarzen Schuhen könnten mit einer eleganten Krawatte selbst dieses fade Dressing verbessern – allein sie gehen oben ohne und sehen aus wie städtische Busfahrer nach Feierabend. Dabei ist die Krawatte nicht nur ein schönes Accessoire, das – eine entsprechende Freiheit im Kopf vorausgesetzt – mit Leichtigkeit getragen werden kann, nein, sie ist auch gewobener Gesprächsstoff. Von neidischen bis hohlen Kommentaren der Kollegen abgesehen, ist sie für viele Frauen ein guter Einstieg in einen freundlichen Dialog im Zug an der Bar oder im Job. Ohne Krawatte quasi sprachlos bleibt dem unbeschlipsten hier nur Elitepartner.

Ein erwachsener Mann sollte wissen, wann eine Krawatte geboten und wann sie sinnvoll oder auch nur schön sein kann. Auf dem Gartenfest des Bundespräsidenten ist sie ein Zeichen von Respekt vor dem Anlaß, auf dem Gartenfest von Mutti ist sie unnötig. Ein guter Anzug (zumal ein dreiteiliger) sollte nicht ohne Krawatte getragen werden, den wo der formale Anzug passend ist, sollte eine Halszier auch nicht fehlen. Merke: Casual Friday ist eine Erfindung der Funktionsbekleidungs-Industrie und dieser Feind muss überall bekämpft werden, wo er uns aus seinen Membranen anmüffelt.

Dies Normierungsschmiede (vormals Krawatten- jetzt Modeinstitut) für Deutsche Mode hatte über Jahrzehnte einen „Krawattenmann“ gewählt. Die Liste der Preisträger hat mit Borussia Dortmund zum Tiefflug angesetzt und vollzog die Bruchlandung der Eleganz mit Herrn Kerkeling und Jan Delay. Der Preis ist in diesem Jahr nicht mehr verteilt worden. Zeichnet sich damit das „aus“ für die Krawatte, oder die textilen Verwaltungsfachkräfte ab?

Liste der Preisträger
1965: Hans-Joachim Kulenkampff
1966: Willi Daume
1967: Willy Brandt
1968: Bernhard Grzimek
1969: Walter Scheel
1970: Helmut Schön
1971: Peter Wyngarde
1972: Roy Black
1973: Kurt Biedenkopf
1974: Dieter Kürten
1975: Robert A. Lutz
1976: Alwin Schockemöhle
1977: Walther Leisler Kiep
1979: Friedrich Wilhelm Christians
1980: Johannes Gross
1981: Hans Rosenthal
1983: Wilhelm Wieben
1984: Otto Wolff von Amerongen
1985: Richard Stücklen
1988: Claus Seibel
1990: Karl Otto Pöhl
1991: Günther Jauch
1997: Bodo H. Hauser
2000: Michel Friedman
2001: Guido Westerwelle
2002: Johannes B. Kerner
2003: Borussia Mönchengladbach
2004: Götz Alsmann
2005: Ulrich Wickert
2006: Christian Wulff
2007: Roger Cicero
2008: Henry Maske
2009: Eckart von Hirschhausen
2010: Claus Kleber
2011: Hape Kerkeling
2012: Jan Delay
2013: Tom Schilling

 

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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