von Jürgen Wolf

Hirn_0157

In unserem Hirn gibt es eine Zone, in der das dopaminerge System beheimatet ist. Zumindest behauptet die Neurobiologie das. Dort wird der Neurotransmitter oder auch kurz Botenstoff Dopamin ausgeschüttet. Die bemerkenswerte Besonderheit dieses dopaminergen Systems ist die Tatsache, dass es beim Menschen bis zum ca. 20 Lebensjahr braucht, um sich komplett zu entwickeln. Bis dahin schießt das System um die 100 Mal am Tag, befeuert von immer neuen äußeren Reizen. Danach nimmt die Intensität stetig ab.

Bei einem 60 jährigen feuert es vielleicht noch 5 Mal am Tag. Die Erklärung liegt vereinfacht gesagt, darin, dass sich der Mensch recht schnell an Reize gewöhnt und Erlebnisse, die unter die Haut gehen, nicht mehr so oft vorkommen. Man kann diese Reize aber selber schaffen. Erlebnisse beim Sport, vielleicht sogar wagemutige, sind eine Möglichkeit. Sex kann eine andere sein. Soweit der Exkurs ins Gehirn. Aber was hat das mit Mode oder dem Kaufverhalten des modernen Menschen zu tun?

Wenn mich meine Kinder oder Freunde fragen, was ich mir zum Geburtstag wünsche, denke ich eine Weile nach und antworte dann: Nichts. Einen neuen Ski oder ein neues Motocross-Bike kaufe ich mir selbst. Meine Bedürfnisse sind auch erschreckend geschrumpft. Meinen Freunden geht es ähnlich. Das dopaminerge System schießt halt nicht mehr bei jedem Scheiß. Bei einem siebenjährigen Jungen ist das einfacher: 1 x Spielzeugauto. Bei einem gleichalterigen Mädchen auch: 1 x Barbie Puppe. Beide haben aber dutzende Autos und Puppen. Scheißegal. Das System feuert Salven von Dopamin und alles ist spannend.

Der Jugendliche ist ebenfalls noch unter massivem Beschuss, was ausreicht, um weibliche Vertreter der Spezies zweimal wöchentlich zu H&M oder Primark wetzen zu lassen. Die Jungs fahren jeden Tag und jede freie Stunde auf einem Skateboard herum. Kinder kaufen irgendeinen Modescheiß, ziehen es 1x an und genießen den Effekt des Zeigens, des in Szene setzens. Der finale Dopamin-Schuss kommt beim posten des Selfies. Erwachsene befremdet dieses Verhalten eher.

Kollektionen bis zur Übersättigung

12 Kollektionen bei Tom Tailor und S´Oliver helfen anfangs schon für eine Befeuerung mit Dopamin. Vor allem dann, wenn davor das 2-Kollektionen Zeitalter lag. Irgendwann nervt es aber. Der Mensch stumpft ab und das Gegenteil der gewünschten Wirkung tritt ein: abstoßende Übersättigung und kompletter Verlust des Gefühls dafür, was eigentlich gerade Mode ist. Die Antwort würde eigentlich lauten: alles. Das wiederum hat zur Folge, dass ich auch alles anziehen kann und zumindest nicht unmodisch rüber komme. Cool. Zumindest für den Endverbraucher.

Dann kommt die Preisbefeuerung. Angeheizt durch ein Gesetz, dass den Sommer- und Winterschlussverkauf tötet. Ab jetzt heißt es: SALE. Und das funktioniert natürlich. Der Mensch rennt jetzt dem besten Preis hinterher. Evolutionär betrachtet eine Meisterleistung des menschlichen Gehirns. Sofortige Umstellung auf neue Verhältnisse. Powerd by Dopamin. Wir wissen ja schon was kommt. Es ist wie mit dem Petting. Die Begeisterung hält nicht ewig.

Willkommen im Jahr 2015!

Und nun?

Aus der Erfahrung lernen. Was mag der Mensch? Was liegt in seiner Natur?

…Krieg und Frieden…

…Hunger und Sättigung…

Heute gibt es von beidem Letzteres. Zumindest in unserem Heimatmarkt.

Wir haben alles im Überfluss. Es wird gefressen wie vor 20.000 Jahren, aber es gibt jeden Tag Nachschub. Der Mensch verfettet zur Unansehnlichkeit.

Wir haben alles. Es wird gekauft, bis der Keller nicht mehr begehbar ist.

Und nun?

Es gibt Bewegungen der Korrektur. Der Mensch ist ein geniales Wesen.

QUALITÄT.

VERLANGSAMUNG.

SLOW-WEAR. Slow Food. Slow down. Finde zu dir selbst. Yoga. Meditation.

Einfach gesagt: Rückbesinnung auf einfache Werte. Werte die wir verstehen. Werte die unser Gehirn versteht. Eine Geschwindigkeit, mit der unsere Spezies klar kommt.

Die Geschwindigkeit der Jahreszeiten

Nehmen wir, stellvertretend für alles, das Phänomen Canada Goose oder Red Wing. Wenn eine Qualität geboten wird, die unser dopaminerges System anspringen lässt, ist genug erreicht. Der Kunde kauft. Wie der geneigte Fachmann weiß, wurde das Design der Hauptartikel, dieser beiden Marken einfach nie mehr weiterentwickelt. Ein weiteres Phänomen heißt Fieldjacket M65. Das Ding will einfach nicht besser werden, wenn man fancy Gimmicks daran baut. Seit über einem Jahrzehnt weigere ich mich, meine M65 auszurangieren. Für was auch?

Was gefällt uns daran? Was gefällt uns an solchen Basic-Artikeln? Vielleicht, dass sie BASIC sind? Die Qualität der Ware und der ausgefeilte Schnitt sicherlich. Übrigens wurde die US Militär Bekleidung des 2. Weltkrieges von Ingenieuren designed. Oha! Articulated Knees und Ellbows sind also nicht vom Modehimmel gefallen. Ein Grund für deren Hitfähigkeit?

Könnte es denn sein, dass zumindest eine der Lösungen darin liegt, dass man sich im Handel wieder mehr auf die natürliche Geschwindigkeit der Jahreszeiten besinnen sollte und während dieser Perioden das Darbieten von Basics nicht außer Acht lässt? Basics, die so schön gemacht sind, dass sie das dopaminerge System anspringen lassen? Ist denn nicht oft der Händler der Totengräber unserer Branche, weil er sich dem Zwang hingibt alle Nas` lang etwas Neues präsentieren zu wollen? Werden zarte Pflanzen, für die die Evolution unseres Gehirns Jahrtausende brauchte, im Monatstakt zertrampelt?

Wie würde mein Sohn in solch einem Moment sagen? „Chill mal dein Leben, Kollege!“

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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