Kasper

von Jürgen Wolf

Berlin gesehen. München gesehen. Fashion gesehen. Sport gesehen.

Für Florenz bin ich noch nicht stark genug. Bislang lese ich zwar die Berichte darüber, kann aber nur unter therapeutischer Betreuung einer mit mir befreundeten Psychologin die Bilder der Besucher anschauen. Entweder die Herren sehen aus wie im London zu Zeiten von Dr. Jekyll and Mr. Hyde oder wie Pussies. Bei aller Liebe. Heritage ist ein lustiger Gag, aber auf Dauer keine Lösung. Wir leben ja im Jetzt. Und im Jetzt sehe ich auch keinen Platz für überdekorierte Männer, die sich zurechtmachen wie ein drittes Geschlecht.

Wo soll denn die Reise für den Mann hingehen?

Wie sähe denn heute ein schwarzer Ritter aus?

Wie der Held aus Platoon?

Wo sind die neuen Helden?

Hat es was mit einer Rückkehr der Männlichkeit zu tun, wenn auf der Pitti alle mit einem Bart herum staksen? Aus welchem Grund tragen alle Männer in den Menswear Werbungen einen Bart?

Gärt da etwas oder ist einfach etwas aus den Fugen geraten?

In die Menswear strömt eine neue Generation von Kunden. Männer im Alter von Mitte 30 bis Mitte 40. Männer, die im Job stehen, eine Familie haben, einen 5er BMW fahren, aber ihre Jugend nicht mehr ablegen wollen. Zu Recht! Eine Jugendlichkeit, die sich darin äußert, dass ein beachtenswerter Anteil dieser Gruppe in jungen Jahren mit Skaten, Snowboarden und Surfen in Berührung kam. Im Gegensatz zum Turnen oder Fußball wird bei diesen Actionsport Arten eine umfassende Lifestyle Welt vermittelt und in der Zeit von 1975 bis 2000 war die Jugend extrem offen für diese komplett neue Lebenswelt. Diese Bewegung ging gefühlsmäßig unter die Haut und hat eine ganze Generation verändert. Der Einfluss aus dieser neuen Kundengruppe wird aber in der Menswear bisher ignoriert oder bestenfalls falsch interpretiert.

Zeichen

Nehmen wir mal an, ein siegreicher Kämpfer kommt auf die Idee sich die Lila Schwanzfeder eines exotischen Vogels an das Band seines Helmes zu klemmen, dann ist das noch lange keine Aufforderung an den Rest, es ihm gleich zu tun. Die dürfen höchstens und auch nur wenn sie zum innersten Zirkel gehören, die Spielkarte „Pik-Ass“ am Helm tragen. Der Rest lässt besser die Finger von solchen Zeichen. Ins „Jetzt“ übertragen, war dies der Fall beim Thema Bart. Der Trend kam vom Snowboarden und hatte seinen Ursprung in der praktischen Idee, dass ein Bart das Gesicht vor Kälte, Schnee und Wind schützt, wenn der Rider in unwirtlichen Verhältnissen in AK (Alaska) unterwegs ist.

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Dann kommt irgend so ein Pariser Modell auf den Plan und „klaut“ den Bart für die Mode. Kurz darauf ist der Bart hip und alle sind hyper hyper. Vor allem die Menswear. Endlich kann auch die konservativste Marke zeigen wie cool sie in Wirklichkeit ist. Oder vielleicht auch nur sein könnte, wenn es einen da draußen gäbe, der es glaubt. Am Ende zeigt es nur wo die Branche angekommen ist. Es wird so wahllos geklaut und in einer so atemberaubenden Geschwindigkeit umgesetzt, dass alle nach kürzester Zeit wieder gleich aussehen. Und dann, liebe erzkonservativen Menswearer, kommt mal aus dieser Nummer wieder raus und erklärt eurem Kunden wer ihr wirklich seid. Warum ihr eure Models nach Bärten ausgesucht habt und nicht aufgrund der gegebenen DNA eurer Marken. (Übrigens gibt es diese Marken DNA immer, auch wenn manch eine Marke sie einfach nicht finden will)

Pitti vs. ISPO

Ein Besuch auf der ISPO. Hier werden in erster Linie Sportgeräte verkauft und in zweiter Linie Bekleidung, die man zum Benutzen dieser Sportgeräte braucht. Wichtig zu wissen: es ist nicht umgekehrt. Die Generation über die ich weiter oben sprach, ist sportlich orientierter als es diese Altersgruppe jemals zuvor war.

Die bunten Daunenjäckchen, mit denen der Handel (inkl. Aldi) seit Saisons glänzende Geschäfte macht und offensichtlich denkt, dass dies noch endlos weitergehen kann, haben ihren Ursprung im Klettern. Ihren Durchbruch erreichten sie aber über den Trend des Tourengehens, der vor einigen Jahren seinen Siegeszug nahm (Zielgruppe: siehe oben). Dort trug man diese federleichten Jacken, mit einer hohen Komprimierbarkeit, da sie bei Nichtgebrauch easy im Rucksack zu verstauen sind. Der Geist des Tourengehens wurde mit diesen Jacken in die Großstadt, den Alltag, verfrachtet. Das große Gefühl der Freiheit am Berg war dann auch noch in den Schluchten der Frankfurter Innenstadt zu verspüren. Oder auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin.

Hätte mir jemand am Eingang der ISPO einen Kalender von 2012, 2013 oder 2014 in die Hand gedrückt, für die Zeit des Messebesuches hätte ich es geglaubt. Wer die Kinderkollektionen auf dem LEGO Stand, direkt am Eingang zur Halle A1, gesehen hatte, hatte die ISPO gesehen. Die Skibekleidung war kunterbunt. Wie schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Was mal wirklich cool war (siehe oben: bunte Feder), ist nur noch öde. Soll ich denn jetzt auch schon auf der ISPO, zusammen mit meiner Jacke und dem obligatorischen Rollkoffer, meine Eier an der Garderobe abgeben?

Skifahren, vor allem Offpiste, Backcountry oder auch Freeskiing genannt, ist etwas für moderne Helden! Bepackt mit Lawinenrucksack, Helm, Schaufel und Pieps geht man an seine Grenzen und genießt eine gehörige Portion Abenteuer im Kreise seiner Buddies. Warum muss man da aussehen wie eine Pussy? Warum nimmt uns die Industrie das letzte Quentchen Heldentum?

Wo sind die „bösen“ Klamotten? Vollgestopft mit allem, nach was wir uns so gerne verzehren würden.

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Wo, wenn nicht im Sport, kann ich noch Held sein? Warum muss ich am Berg aussehen wie beim St. Martinsumzug des örtlichen Kindergartens? Die Snowboarder sehen das natürlich anders. Hier wurden schon vor Saisons die Farbkarten um alle Farbigkeit erleichtert. Auch keine Lösung. Die Gefahr einer möglichen Jammerdepression ist für viele deshalb nur durch das Rauchen diverser psychotroper Substanzen zu bannen. Evolution ist für diesen Teil der Branche aber eh ein Fremdwort, was sich daran zeigt, dass die aktuellen Snowboard Bindungen erst den zweiten Entwicklungsabschnitt darstellen und der kam kurz nach der Wasserski Schlaufe, die ich auf meinem ersten Snowboard hatte (Burton Backhill, 1981). Bei diesem Thema hat sich in 30 (! ) Jahren nichts getan und das Tragen von Helmen ist auch immer noch verpönt. Da gibt man sich mit der obligatorischen Strickmütze die abenteuerlichsten Moves, nur um sich gegen den Rest der Menschheit abzugrenzen. Nur im Sommer kommt Farbe an den Körper. Wenn das Snow- gegen das Surfboard ausgetauscht wird.

Ab hier beginnt es diffizil zu werden. Extrem sogar. Für unsere neuen Menswear Kunden ist es das nicht. Es macht ihr Ich aus und bestimmt ihre Vorlieben, ihr Handeln und den Blick dafür wie die Mode ihres nächsten Lebensabschnittes aussehen soll. Wer sein ganzes Leben auf einer Lederbrandsohle durchs Leben geschlurft ist, wird dies nie verstehen und sollte deshalb, Schuster bleib bei deinen Leisten, seinen bisherigen Weg weitergehen. Es werden neue Gesichter in der Branche ihren Platz beziehen und neue Marken erschaffen, die von ihrer DNA über eine Gleichschaltung mit der kommenden Generation von Menswear Kunden verfügen. Für manch einen eine Chance. Im Handel und in der Industrie.

Menswear vs. Jogger Pants

Ein humoristischer Höhepunkt meiner diesjährigen Messetournee war ein Marsch zu einer der vielen Messen in Berlin. Eine überfüllte S-Bahn ergoss sich auf den Bahnsteig und die Massen liefen auf eine Treppe zu. Dort war ein Schild auf dem Mittelgeländer angebracht: „Links einordnen zur Panorama. Rechts einordnen zur Grünen Woche.“Eine Stimme hinter mir sagte: „Links die Affen. Rechts die Schweine.“Keine Ahnung zu welcher Gattung er gehörte, aber es war gut beobachtet. Bei genauerem Hinsehen hatten die 2 Gruppen in Punkto Aussehen nur wenige gemeinsame Nenner.

Auf der Messe angelangt war es unschwer zu erkennen. Die „Affen“ haben einen neuen Trend: Jogger Pants. Nach einer meditativen Runde, in der ich mich einfach nur berieseln lies, stellte sich mir allerdings die Frage, wer diese ganzen Maßen von Jogger Pants tragen soll, die Brax, Alberto und Co. jetzt mit Macht in den Markt pushen. Marken, die ihr Dasein bisher damit fristeten den deutschen Mann einzukleiden, erwecken den Eindruck, dass sie sich gerade verpuppen. Aber in was?

Die Jogger Pant sieht super an einem jungen kalifornischen Surfer Dude aus. Mit FlipFlops oder Jogging Schuhen ist das der Deal. Sehr cool kommt das auch an einem 19 jährigen Skater rüber, weil hier ja auch der Ursprung dieser Hose liegt. Aber am deutschen Mann, den die Menswear ihren Kunden nennt? Hat schon einmal einer geschaut wie diese „over 45“ Kunden aussehen? Die meisten Herren haben einen 1A Bauch und graue Haare oder gar keine mehr. Deren Hemd spannt nicht über dem Bizeps, sondern über der Plauze. Soll das in eine Jogging Hose gestopft werden? „Dieter Kleinschmitt“ in Jogging Pants? Oh Gott, sei mir gnädig.

Das ist ein Trend für wirklich junge Leute oder Japaner. Letztere können sich zurechtmachen wie ein Pfingstochse und sehen oft sogar noch gut darin aus. Aber das sind eben Japaner. In Shibuya herrschen andere Gesetze als in Wanne-Eickel oder München. Wer sich crazy kleiden will, der soll warten bis die Industrie Sakkos aus gebondeten Fabrics anbietet und deren buntes Innenleben offenkantig verarbeitet.

Kunden erschließen sich nicht mehr nur über das Alter, aber durch das Alter verändern sich die Ansprüche an die Mode. Diese Ansprüche gilt es zu verstehen. Um das Beispiel P&C mal wieder zu strapazieren: für die Young Fashion, im Basement, ist er zu alt und für oben, die Menswear, zu jung. Da hilft es auch nichts, wenn ich „oben“ die Jogger Pants finde. Im Gegenteil. Jetzt kommt zum Bart Modell noch die Jogger Pants. Was sollen denn unsere neuen Kunden von unserer Branche denken? Entweder man spricht die Sprache dieser (Käufer)Gruppe oder nicht. Es werden schon genug Kleinkinder damit „versaut“, dass ihre Väter ihnen das „High 5“ andressieren, bevor die Kleinen überhaupt das erste Lebensjahr erreicht haben. Das macht das Kleinkind nicht cool und den Vater ebenso wenig. Das Kind wird sich coolness erwerben oder auch nicht und der Vater hat die Coolness oder er hat sie nicht. So ist das auch in der Menswear. Pretty easy.

Manch einer, der jetzt 40 wird und aus der Streetwear herausgewachsen ist, sucht nicht nach einer neuen Identität, sondern nach Läden, die das bieten, was er sich vorstellen kann. Und genau diese Männer werden den nächsten Trend vorbereiten. Viel Spaß beim Suchen.

Nach Berlin und München verspüre auch ich den Drang nach einem Hilferuf: Wo finde ich Bekleidung für Männer?

PS: 1 Highlight hatte ich übrigens. Die Shields auf dem Dragon Googles Stand. Die Tochter von Nike zeigte auf der ISPO wie die Sonnenbrille auszusehen hat. Warum schon wieder Nike, werden jetzt viele denken. Warum eigentlich immer Nike? Warum sind die Bosse dieser Firma so verdammt mutig? Oder sind die anderen unmutig? Gar ängstlich? Warum erfrischt uns Nike immer wieder mit neuen Ideen? Klar, mit „vollen Hosen ist gut stinken“, aber irgendwie muss deren Hose ja mal zu ihrer Füllung gelangt sein. Und warum ist Adidas dies nicht gelungen?

Manchmal wünsche ich mir, ganz im geheimen, dass Nike auf der Pitti Uomo Menswear zeigt. Dann gäbe es für mich keinen Grund mehr nicht nach Florenz zu fliegen.

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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