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Die Themen Stil, Bekleidung, Dandytum etc. geistern in schöner Regelmäßigkeit durch ansonsten durchaus ernstzunehmende deutsche Medien. Wir beobachten dies ja schon seit Weiland Werner Theurich beim Spiegel mit einer neuen Form getexteter Ahnungslosigkeit brillierte.

Nun haben wir aus Versehen im Manager Magazin (glücklicherweise für unschuldige Bäume nur in der Online-Version) die Einlassungen von Katharina Starlay gelesen. Unter dem Titel “Darf ich schicker sein als mein Chef” verbreitet die selbsternannte Mutter Theresa des Stils lesenswerte Plattitüden wie: “Erstens geht es um den Dresscode, die Statussymbole und die Insignien der Macht. Der Dresscode einer Firma ist tatsächlich Chefsache, weil er verbindlich festhält, wie sich ein Unternehmen gegenüber Kunden und der Welt präsentiert – und wo es sich positionieren möchte. Business oder Smart Business? Oder auch Business Casual? Den Ausschlag geben schließlich die Ansprechpartner, die es zu erreichen gilt, und die Preislage des Produktrahmens. Bodenständige Produkte verkaufen sich im schwarzen Anzug mit Manschetten-knöpfen nun mal suboptimal.

Mit dem gehobenen Dresscode der Chefetagen sind aber auch Details verbunden, die teuer wirken, weil sie früher auch teuer waren. Die erwähnten Manschettenknöpfe etwa, die mit Wappen und edlem Metall den Hauch des Elitären ausstrahlten. Heute sind sie (ohne Familienwappen) zu ganz anderen Preislagen und für jeden erschwinglich und werden damit eher zu einer Frage des Geschmacks”.

Business Smart, Smart Business Casual oder eher Stupid Business? Wer trägt außer Kellnern und Bestattungsunternehmern schwarze Anzüge bei der Arbeit? Manschettenknöpfe mit Familien-Wappen? Der beschriebene gehobene Dessscode wird im Beitrag durch einen Link auf die Bilder ausgewählter Dax-Vorstände “untermauert”. Allerdings sehen die Herren Blessing, Bock und Fitschen eher aus wie ordentlich angezogene Außendienstmitarbeiter der Signal-Iduna. Keine Spur von elitärem, gewagten oder auch nur handwerklich ordentlich Gemachten.

Ganz wichtig: Frau Starlay bietet auf Ihrer Website “Stilclub” auch einen Stil-Check per Foto für nur 49,00 Euro inkl. MwSt an.

Statt Einstecktuch, Weste, und Krawatte reichen vielleicht auch Krawatte und Tuch

Natürlich darf bei soviel geballtem Enthüllungsjournalismus der Wettbewerb nicht fehlen. Die Wirtschaftswoche kontert zum gleichen Thema mit dem Beitrag ” Wer hat im Büro beim Stil das Sagen?” Hier lesen wir über das tragische Schicksal von Frau Motsch: “Sie sitzen in Ihrem Büro – der Anzug vom Maßschneider, geschmackvolle Manschettenknöpfe, italienische Lederschuhe und Edelfüller – und dann kommt der neue Vorgesetzte herein: Schlabberjeans, T-Shirt und ausgelatschten Turnschuhen. Dass Führungskräfte oft sehr schlecht angezogen sind, erlebt Elisabeth Motsch, Trainerin für Image, Outfit und Umgangsformen, regelmäßig.”

Wer das für ein Einzelschicksal hält wird enttäuscht, das Wirtschaftsmagazin geht weiter in die Tiefe und hier wohnt der Kerberus der Herrenoberbekleidung, Bernhard “Bilderbuch in 19 Sprachen” Roetzel, der mit folgendem Bonmont glänzt. “Die Kunst besteht darin, dass der Vorgesetzte nicht merkt, dass sein Angestellter besser angezogen ist”, So dürfen Kostüm oder Anzug natürlich weiter vom Lieblingsschneider gefertigt, anstatt von der Stange gekauft sein. Nur etwas dezenter darf es dann gerne sein: Statt Einstecktuch, Weste, und Krawatte reichen vielleicht auch Krawatte und Tuch.”

Wir fassen zusammen: Einfach die Weste weglassen!

Der Dandy als Eintagsfliege

Den aktuellsten Tiefpunkt lotet die Welt mit “So lebt es sich als Dandy – für einen Tag” aus. Arne Siegmund verkleidet sich mit einem mediokren Anzug und spielt einige Anregungen aus dem Buch “111 Tipps und Regeln für den Mann von Welt” nach. Der Titel des Buches erinnert schmerzlich an die besten Focus-Rankings und sein Inhalt ist eine Art Straßenverkehrsordung für einen Mann, der nicht in der Lage ist, sein Leben ohne fremde Hilfe zu leben.

Über den Autor des Buches schreibt sein Verlag: Brand durchlief stilprägende Lehrjahre an den Universitäten von Wien, Edinburgh und Oxford. Nach einer weiteren Dekade in Hongkong, Frankfurt und Berlin führten ihn die dort angestellten Beobachtungen zu dem Schluss, dass ohnehin alles den Bach runtergeht. Aus Gründen der Selbstverteidigung erstand er daraufhin eine größere Anzahl Trachtenjanker und zog sich an den Bodensee zurück”.

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Was das Schickal der durch Berlin stolpernden Dandy-Ephemera-Vulgata Siegmund betrifft, stellt sich uns die Frage, ob sich der hier vergeudete redaktionelle Raum nicht hätte besser nutzen lassen. Damit verbinden wir den Wunsch, dass andere Medien dieses bewegende Thema nicht auch zur Grundlage einer dermaßen kompetenten Berichterstattung machen.

 

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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