Von Jürgen Wolf

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„Junge! Hier passiert nix Gutes, aber etwas Großes.“, sagte ich zu meinen 23-jährigen Sohn: „Etwas über das in Deinem wirtschaftswissenschaftlichen Studium nichts gelehrt wird. Schau deshalb genau hin.“

Was wir sahen, war der menschenleere Vorplatz des alten Flugplatzgebäudes Tempelhof. Auch im Foyer – niemand zu sehen. Als Eintrittskarte hätte dieses Mal wohl auch ein Pik Ass vom Skat Club gereicht. Unglaublicher Weise genau dort, wo man vor 12 Monaten von mir noch sportliche 500 Euro haben wollte.

Nach dem Betreten waren wir betreten. Wo mein geistiges Auge sich an hunderte von Ständen aus den Vorjahren erinnerte, war ein grauenhaftes Nichts. Nur ein unverstellter Blick auf das Flugfeld. Keine Stände, die unseren Blick verstellten.Wir sahen uns alle an und schluckten. Eine bedrückende Stimmung.

Viele Schritte später, durch einen fast leeren Flur, sahen wir Menschen die im Freien chillten und trafen auch gleich ein paar bekannte Gesichter, die ähnlich schockiert waren wie wir. Der Blick in die angrenzende Halle gab uns den Rest. Das hier war keine Messe mehr. Das war eine Beerdigung. Nur leider eine, bei der die “Leiche” zwar im Sarg lag, aber die Augen noch bewegte. “Unglaublich”. “Nicht zu fassen” – waren meist die Worte aus dem Publikum.

Auf dem Rundgang gab es leider wenig zu sehen, dafür umso mehr zu besprechen. Die immer gleichen Fragen wurden gestellt und fanden keine befriedigenden Antworten. Nach diversen Flaschen Bier, in einer großen Runde von hunderten Menschen, war es dann 22:00 Uhr und wir verließen eine gestorbene Messe, die in ihren letzten Stunden immer noch mehr Geist versprühte, als die lebendige Panorama in ihrem ausgebuchten Zustand.

Dort waren wir für viele Stunden und sahen auch nichts. Noch nicht einmal ein monströses Flugfeld bot sich unserem neugierigen Auge. Die Jeans Highlights waren MOD, Mustang und Timezone. An den Rest kann ich mich nicht mehr erinnern. Totgetreten hat sich da auch keiner. Ich bin auf die offiziell geschönten Zahlen gespannt. Da traue ich immer mehr den vielen Taxifahrern, die ich auf all meinen Fahrten fragte, ob genauso viel los wäre wie vor 12 Monaten, worauf ich immer die gleiche Antwort bekam: Leider nein.

Die großen Brands sind alle weg. Die brauchen keine Multibrand Messe mehr. Vielleicht in der Art wie Levi´s auf der aktuellen Bright, um sich für ganz kleines Geld an die Skater ranzulutschen. Die Liste der Abtrünnigen ist lang und jedem bekannt. Wiederholungen sind langweilig.

Was verbindet diese Marken außer ihrer Messeabstinenz?

Jede große Marke hat einen CEO, der sich durch seine Matrixfähigkeiten nach oben gearbeitet hat. Selten durch Kreativität auf dem modischen Spielfeld. Meist ist die Basis ein Studium der Wirtschaftswissen-schaften, wo mit viel Aufwand und Geduld erst das Bauchgefühl vom Kopf getrennt und dann in der Birne ein Taschenrechner implantiert wird. Das ist große Klasse, wenn einer bei Airbus Industries anfangen will oder bei der Bank oder einer Versicherung. Aber in der Mode richtet es genau den Schaden an, den wir in Berlin aktuell studieren dürfen.

Das Ergebnis sind langweilige Innenstädte, die zumindest europaweit wie geklont wirken. Überall die gleichen Marken, mit gleichen Produkten und gleichen Preisen. Das Ergebnis sind aber auch sterbende Messen, denen es nicht mehr gelingt, die Händler für die nächsten sechs Monate so zu motivieren, dass sie ihren Job überstehen, ohne Antidepressiva schlucken zu müssen.

Die Zahlen-Nerds haben sich aber leider verrechnet. Sie werden bald am Rande der Party stehen, in ihren Einheits-Businessanzügen, mit ihrem Stock im Arsch und können zusehen, wie sie selbst weggekürzt werden. Jack & Jones sind die ersten, in der Reihe der sich durch die Städte beißenden Zombie Marken, die durch die Händler von der Liste der Must Have Brands gestrichen werden. Andere werden folgen. Marken ohne Vergangenheit haben keine Zukunft. Wenn ich einen Preis kaufen will, bin ich am besten bei Zara und Co. aufgehoben. Will ich auch Inhalte, dann gehe ich dorthin, wo man mir eine Geschichte erzählt. Diese Mühe macht sich Zara erst gar nicht.

Ich verwette meinen Hintern, dass die ganzen Herren, die für die Entscheidung zuständig waren, den HOF DER TEMPEL mit ihrem Markentempel nicht mehr aufzusuchen, um sich mit der pulsierenden Masse unserer geilen Branche zu verschmelzen, in ihrem Privatleben nur so in Marken baden. Die Rolex am Arm, den Mercedes unterm Hintern, die Corbusier Liege im Wohnzimmer, die Frau in Prada eingewickelt, mit der It-Bag dekoriert, verstehen sie selbst sehr gut was Marke ist und was sie bewirken kann, wenn sie eine gute Geschichte erzählt, die gerne gehört wird. Jetzt lernen sie noch dazu, dass ein fehlendes Umfeld in der geschichtslosen Monotonie von Monomarkenstores der eigene Tod sein kann.

Wenn der Multibrand Händler auf den Messen nicht mehr begeistert wird, stirbt auch seine Motivation den Endverbraucher zu begeistern. Aus reiner Freude an den Zahlen sind nur noch die wenigsten dabei. Was sie immer wieder motiviert ist die Freude an der Mode und die Freude ein Teil der Modebranche zu sein. Nur wer soll diese Freude zukünftig schüren?

Wer soll diese Aufgabe jetzt übernehmen? Und wenn jetzt einer Zalando sagt, dann werde ich wild. Das wäre ja, als würde der fehlende Hirtenhund durch einen Wolf ersetzt.

 

 

 

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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