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Über Eleganz wird viel geredet, ihr Fehlen wird häufig beklagt und ihre mißbräuchliche Verwendung als Attribut für allerlei Banales ist Legende. Eleganz hat nach unserer Meinung nichts mit Mode oder Bekleidung zu tun, sie manifestiert sich in vielfälltiger Ausprägung und ist vor allem eines: Eine Einstellung oder Haltung, wie Fritz J. Raddatz es schon 1997 in der Zeit formulierte. Diesen Beitrag, der nichts von seiner Bedeutung verloren hat, möchten wir gerne noch einmal in Erinnerung rufen.

Die besondere Haltung

Was ist Eleganz? Ein Begriff wird erkundet

Von Fritz J. Raddatz

Elegant? Gibt es das überhaupt? Ist es ein passé défini? Darf man das sagen, kann man es sein? Das Wort ist wohl unbegriffen, so geschändet wie die Mona Lisa unbetrachtet, im Blitzlichtgewitter vergewaltigt.
Eleganz ist Haltung. Gern verwechselt mit Attitüde, Allüre gar. Doch weder das monogrammbestickte Oberhemd ist elegant, noch ist es die Krokotasche. noch sind es die Dünnlippigkeiten Oscar Wildes; dessen fein gezwirnte Sottisen – “Wären die Armen nur nicht so häßlich, dann wäre das Problem der Armut leicht gelöst” – zumeist nur dumm sind. Dieses angeleckte Kamelhaar geht durch jedes Nadelohr – doch ist es das einer Stopfnadel, das Gewebe bleibt durchsichtig. Zumal er derlei mit einer recht widerwärtigen Klassensexualität löste – waren es doch fast immer Zeitungsburschen, Kellner oder Marktjungen, die er mit seinen silbernen Zigarettenetuis entlohnte. Oscar Wilde war ein Snob. Ein Dandy war er nicht.

Vielleicht hilft der Unterschied dieser beiden Titel beim Klären des Begriffs. Der Snob arbeitet – oft leicht schwitzend – am Ausstaffieren seines Ego: Ob die weiße Nelke im Knopfloch des “Dorian Gray”- Verfassers oder der maßgeschneiderte Proletarieranzug des “Dreigroschenoper”-Autors: Inszenierung. Aribert Wäschers berühmtes “Herr Brecht, wo lassen Sie arbeiten?” ließ den Stückeschreiber ziemlich nackt auf der Premierenfeier stehen. Der Dandy verbirgt – gelegentlich: dekoriert – eine Verletzung. Man sagt, er suche sie gar. Baudelaires rüde Ausfälle, Rimbauds nur scheinbar zierliche, tatsächlich entsetzliche Selbstaggressionen, Genets schwarze Pfützen. in die er hohnvoll wie schmerzlich sein Konterfei wie das der Welt projizierte: spiegelnde Schreckensbilder des Dandys. Genets “Sie haben wohl Angst vor mir?”, als wir in einem dunklen Park spazierengingen und ich meinen Schritt beschleunigte, war selbstironisch elegant.

Es ist immer eine Beziehung zum Außen, zur Welt; es ist keine geschminkte Ich-Feier. Es ist, wie Heinrich Heine erkannte, jene Verletzung, ohne die eine Auster keine Perle produziert. Bei ihm wurde es Kunst: “Ich hab’ mit demTod in der eignen Brust / Den sterbenden Fechter gespielet.”

Als Sinnbild des Dandys gilt gemeinhin der heilige Sebastian – ein Bildband mit Darstellungen von ihm, mal kokett, mal siegreich, mal entmutigt. Oft die Pfeile und Wunden fast genießend, böte die Varianten dieser Existenz: Rache kann darin sein, Demut, Vergebung. Zweifel und Hochmut. Der Geck wirbelt ein gedrechseltes Stöckchen. Der Dandy trägt eine Wunde. Der eine bewegt sich in der Society. Der andere hadert mit der Gesellschaft. Zu ihr hat Eleganz immer einen Bezug – attackierend oder verzagend.

Adolf Muschg hat das in einem kleinen Essay glorios analysiert. in dem er sagt: “Der heilige Sebastian war schon Gustav Aschenbachs Patron der Kunst-Disziplin. Das Spiel als Tarnung eines enttäuschten und verletzten Gefühls wiederholt stilistisch diesen Verrat: “Es ist die Methode des Dandys. Was er inszeniert, muß Spitze sein, um wehzutun. Aber um seinen Triumph zu vollenden, darf sein Stil keinen Schmerz verraten. Genauer: NUR verraten darf er ihn … Andere schreien, wenn sie Hunger haben. Der Dandy verwandelt sich in ein Gericht und serviert sein Menschenfleisch als Delikatesse mit Hautgout.” Die nackte Haut als Luxus.

Diese Entfernung – Fernheit? – meint wohl schon der Wortstamm; das lateinische elegans ist die Nebenform von eligens,dem Partizip Präsens von eligere (ex-legere), “auslesen, auswählen” – dem sich das französische élire verdankt, was zu Elite führt; wiederum nicht weit vom lateinischen intellegere, “mit Sinn und Verstand wahrnehmen, erkennen, verstehen, einsehen”.

Das ist die Unterscheidungsfähigkeit, die Pierre Bourdieu reflektiert, wenn er von der “gegensätzlichen Haltung von Volk und Intellektuellen zur Fiktion” schreibt – daß nämlich der Intellektuelle mehr an die Darstellung als an das Dargestellte glaubt. Wir kennen sie aus der Anekdote von der Galeriebesucherin, die empört zu Franz Marc sagte: “Pferde sind nicht blau”, und seiner Antwort: “Das sind keine Pferde, das ist ein Bild.” Bei Magritte heißt das: “Ceci n’est pas une pipe.” Für Bourdieu ist die höchste Ausprägung des Unterscheidungsvermögens das Geschmacksurteil, “jenes Vermögen also, das Verstand und Sinnlichkeit, die unsinnliche Begrifflichkeit des Pedanten mit dem begrifflosen Genuß des Weltmanns versöhnt.

Womit wir uns dem landläufigen Begriff des Eleganten in weitem Bogen wieder nähern: Die Grenze des Unterscheidens verläuft ja nicht nur zwischen Bach und Heino, sondern schlängelt sich ins Wohnzimmer und in den Kleiderschrank. Das zur gepunkteten Krawatte passend gepunktete Ziertüchlein hat diese Grenze unterschritten, wie der Brief an einen Gastgeber sie eingehalten hat. Der Kunsthistoriker Panofsky sagte: “Wenn ich einem Freund schreibe, um ihn zum Abendessen einzuladen, ist mein Brief in erster Linie eine Mitteilung, Kommunikationsmittel. Doch je mehr Gewicht ich auf die Form meiner Schrift lege, um so mehr wird er ein Werk der Kalligraphie. Und je mehr ich die Form meiner Sprache betone, um so eher wird der Brief ein Werk der Literatur oder der Poesie.”

Wir sind bei der Cleichung Distanz = Höflichkeit = Form = Eleganz. Ihr liegt zugrunde die vorausgesetzte enttäuschte Erwartung, einbezogen zu werden. Genet hat es im Prolog zu seinem Stück “Die Neger” formuliert: “So werden wir die von Ihresgleichen gelernte Höflichkeit besitzen, die Verständigung unmöglich zu machen. Die uns ursprünglich schon voneinander trennende Distanz vergrößern wir durch unser Selbstbewußtsein und unser Benehmen, durch unsere Frechheit – denn wir sind auch Komödianten.” Komödianten spielen: sie schluchzen nicht, sie tun so: sie spielen den sterbenden Fechter – und verbeugen sich beim Applaus. Deswegen sind Eleganz und Distanz Synonyme. Die Sache selber ist nie elegant. Ein Sonnenuntergang kann schön. ergreifend, bezaubernd sein – elegant kann das Bild vom Sonnenuntergang sein. Das meint Kant, wenn er dekretiert: “Der Geschmack ist jederzeit noch barbarisch, wo er der Bemischung der Reize und Rührungen zum Wohlgefallen bedarf, ja wohl gar diese zum Maßstabe seines Beifalls macht.” Und das meint Proust, wenn er es ablehnt, das Kostüm der Schauspielerin oder das Kleid der Dame von Welt schön zu finden, weil der Stoff schön ist, “sondern, weil es von Moreau gemalt oder von Balzac geschilderter Stoff ist”. Einfältig und elegant schließen einander aus.

Der Unterschied zwischen dem Fant und dem Eleganten verläuft entlang derselben feinen Grenze wie die Unterscheidung zwischen Pornographie und Erotik; man könnte auch sagen: zwischen dem Haben-wollen und dem Geben-können. Eine Nackenlinie, der Schatten eines Achselhaars ist erotisch – das “lch und mein Magnum” der alltäglichen Pornographie ist onanistisch; also selbstbezogen.

Die Geste des Araberjungen in seiner Dschellaba, den Roland Barthes in Marokko ein Stück Weges mitnahm und der dem reichen Franzosen die Münzen gab, die der Bus ihn gekostet hätte, ist elegant; denn Eleganz ist höflich. Sie wahrt Würde und gibt Respekt. Der Parvenü Truman Capote, der sich so gerne mit den Reichen gemein machte, ist würdelos; er hat schließlich nicht einmal vor sich selber Respekt. So verriet er sich und sein Werk. Er wurde – wie Andy Warhol – schickes Accessoire der Mondänen, sie lächelten deren Grimassen. Welt dagegen gab Proust. Nicht Dior-Kleid, Chauffeur und Maßanzug sind elegant, sondern das Verhalten dem anderen gegenüber.

Es waren nicht Cerruti-Schuhe, die an der Frau Minister Hamm-Brücher imponierten – sondern daß sie meiner Sekretärin die Teetassen hinaustrug. Es sind nicht die lächerlichen langen Handschuhe von Jackie O., an die man sich gern erinnert – sondern es ist die Generosität, mit der Madame Mitterrand zur Beerdigung des Präsidenten dessen Geliebte und die uneheliche Tochter bat; keine Selbstfeier nach dem Ondit “ls Nurojew dancing?”, mit dem eine Nation die Überinszenierung des Kennedy-Begräbnisses verspottete. Mein Freund Cioran, ein geradezu peinigend genauer Menschenkenner, erzählte mir von einer durch Heirat reich gewordenen Pariser Schönheit – femme du monde war seine Distanzgirlande, mit der er solche Damen schmückte -, die sich gewiß elegant fand: sie pflegte die Freunde vom Friseur aus anzurufen, man hörte mal den Figaro, mal den Fön, mal das Klappern der Scheren und mal sie. Darin liegt Verächtlichkeit; gegen die Freunde, gegen den Friseur, schließlich sich selber gegenüber. Eine Selbstvergiftung.

Derlei hat mit Rücksicht zu tun; das Wort ist ein Transitivum – es berücksichtigt den anderen Menschen. Dabei geht es nicht so sehr um lustige Altmodischkeiten wie “Never brown after six” (was deutsche Intellektuelle gern mit “braunes Hemd zu weißer Krawatte” übersetzen) oder das enzyklopädische Wissen, daß ein Cahors nun einmal nicht schmeckt wie ein Saint-Estèphe. Obwohl die kleinen alltäglichen Regeln ja auch etwas Angenehmes haben. Gewiß, man kann auch in der Nase bohren – und bleckend gähnen, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten. Die Welt geht davon nicht unter. – Schöner wird sie dadurch auch nicht. Gewaschenes Haar und saubere Fingernägel allein sind ja noch keine Schande. Wer sitzt schon gern bei Tisch neben jemandem mit aufgestützten Ellenbogen, das Mese ser bedrohlich in die Höhe gereckt. Doch sind das noch die Äußerlichkeiten der Regeln, des Anstands. Die können possierlich sein wie in der Proust zugeschriebenen Anekdote: Als er das “Ritz” verließ, bemerkte er, daß er kein Geld für den Hotelportier bei sich hatte. “Können Sie mir hundert Franc leihen”, sagte er zu diesem und drückte sie ihm dann mit einem “C’est pour vous” in die Hand. Und sie können bewegend sein wie die Antwort des todkranken Harold Brodkey auf mein taktloses “How are you”, als er mühsam die Terrasse des “Monaco” in Venedig erklomm: “Thank you, I am dying.”

Eleganz kann nicht verachten. Sie mag Bitterkeit haben, aber sie ist ohne Gift. In ihr mag Verlorenheit nisten, Verlogenheit nicht. Sie hat stets ein kleines Stückchen Zärtlichkeit. Werben, ein Streichelangebot. Sie ist eine Paraphrase der Tucholsky-Definition: “Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: Er will die Welt gut haben, sie ist schlecht und nun rennt er gegen das Schlechte an”; das hörte ich aus einer Antwort Fritz Kortners – als wir an seinen Memoiren arbeiteten und ich manches zu berserkerhaft fand, sagte ich zu ihm: “Warum hassen Sie so?”, und er sagte ganz leise: “Weil man mich nicht lieben ließ”; das – Defizite betrauernd – lese ich in manchem Essay, dem von Joachim Kaiser über Brechts “Maßnahme”, dem von Peter Wapnewski über Handkes Tagebücher: Sie sind elegant, nicht weil, das ohnehin, gut geschrieben und klug gedacht, sondern weil sie zögernd ein Bedauern anmelden. Sie formulieren ein Werben um den Künstler.

Ein eleganter Chef ist nicht, wer – wie das beharrliche Gerücht von einem Spiegel-Chef kolportiert – im weißen Smoking vor der Premiere durch die Redaktion rast; ist der, der fürsorglich ist. Ich hatte Glück, hatte einmal so einen Chef; der kam gar nachts – mir war aus Wutkummer die eigene Wohnung unbetretbar – ins Hotel, zwei Flaschen unterm Arm, und sagte: “Wir reden kein Wort. Ich weiß alles. Wir trinken jetzt zusammen.” Unelegant wird man das nicht nennen mögen. Er gab.

Joseph Breitbach war so einer. Nicht, weil er reich und prächtig an der Place du Panthéon wohnte. Sondern weil er seinen Gästen gab, sie waren keine namenklirrende Zierleiste seiner Tafel. Kam ein Schriftsteller, so lagen auf dem Entréetisch dessen Bücher zuhauf – darunter, wenn möglich, das neueste – und das Gespräch ging um dessen, nicht des Gastgebers Arbeit. In die heutige Grobheit übersetzt hieße das: “Ach, Ihr neues Buch – leider noch nicht gelesen, meine Sekretärin hat es verlegt, man bekommt ja so viele Bücher.” Nie im Leben wäre Breitbach auf die “Ich als Schriftsteller”-Idee gekommen, Eigenes vorzulesen. Eher konnte er eigene Frivolitäten ironisieren: “Genieren Sie sich nicht – der Diener versteht alles.” Er nahm sich zurück, Zentrum war der Gast, waren die Gäste, nicht er.

Der Brillant ist nicht elegant, sondern die Fassung. Nicht zufällig hat das Wort zwei Bedeutungen. Das Mißverständnis spricht von Dandy, wenn der Parvenü gemeint ist; dessen “Ich wechsle mein Auto, wenn der Aschenbecher voll ist” führt krude Banalität vor – die Antwort Picassos, den man wohl eher selten in Cut, Frack oder Smoking sah, auf die Frage nach seinen Konten und Schlössern: “lch lebe wie ein armer Mann, der viel Geld hat” klingt da angenehmer. Immenser Verbrauch – von Kaviar, Schuhen oder Autos, meinetwegen Yachten und Flugzeugen – zeigt nicht Eleganz, sondern Unsicherheit. Lässiger Gebrauch indes zeigt auch Souveränität. Die Fama von den alteingesessenen Lords auf ihren Landsitzen, deren Diener dieselbe Schuhgröße haben mußten, damit sie allenfalls mal nötige neue Schuhe eintragen konnten, denn: neue Schuhe zu tragen war ordinär – diese Fama aus einer untergegangenen Welt ist eben doch erhellend. Sie illustriert den Unterschied von Haben und Sein.

Das Stichwort “Lord” verlockt, eine andere Geschichte zu erzählen. Als der widerliche Politruk Kurt Hager, seines Zeichens Drangsalierer von Intellektuellen in der DDR – nun natürlich seine Lady-Macbeth-Hände in aller Rentnerunschuld waschend – Peter Huchel, dem weiland Chefredakteur der noblen Zeitschrift Sinn und Form, vorwarf, dieses Druckerzeugnis käme ihm elitär vor “wie ein englischer Lord”, sagte der hochberühmte Lyriker ganz still: “Sehen Sie, Herr Hager, als Redakteur hätte ich Ihnen das Wort ‘englisch’ gestrichen.” Preisfrage: Wer von den beiden Herren war elegant? Man muß nur sehr wenig übertreiben, wenn man diese kleine Begebenheit exemplarisch nennt. Der eine, zeitlebens buckelnd nach oben und tretend nach unten, ein deutscher Kujonierer par excellence, wußte genau woher, wohin, wo entlang: er war das Gesetz. Der andere war das Gewissen. Sein Werk ist voller Fragen, bietet wenig gesicherte Antworten. Er neigte denkend den Kopf mit dem englischen “I see your point” und blieb doch treu dem skeptischen Hoffen. Er horchte. Aber er gehorchte nicht.

Insofern darf man sagen: Eleganz hat auch zu tun mit zögernder Bescheidenheit, ebenjenem Einbeziehen des anderen. An dem Satz “Ein Gentleman ist, wer, auch wenn er alleine ißt, die Butter mit dem Buttermesser nimmt” ist weder die Butter interessant noch das Messer; vielmehr der Gentleman: neben der Bedeutung vornehm, edel, höflich birgt das Wort gentle auch die Begriffe zart, gütig. Keineswegs verrät das Ungewißheit; eher Weisheit. Das andere, die Kommandohöhe der Allwissenheit – im Politischen zu buchstabieren mit “Kopf ab”; im Gesellschaftlichen zu entziffern im “Wieviel Stundenkilometer macht Ihr Maserati?” -, entlarvt Leere. Dieses Vakuum füllt sich rasch. Mit Macht. Mit Geld. Keines von beiden kann Synonym sein für Eleganz. Macht ist nie elegant. Sie kann sich, im Glücksfall, elegantes Dekor leihen – von den Medici zu Peter dem Großen; sie kann, im Unglücksfall, nicht einmal das – von Stalin bis Hitler. Eleganz basiert nicht auf Größenwahn, aber auf Selbstbewußtsein. Ein französischer Großbürger füllte den entsprechenden Fragebogen so aus: “Wenn man mich besucht, dann nicht wegen meiner Socken, meines Taschentuchs oder der Nelke im Knopfloch oder meiner Krawatte. Wenn man Lust hat, mich zu besuchen oder einzuladen, nimmt man mich, wie ich bin. Anders gesagt – ich halte viel von mir selber.” Das ist die säkulare Variante des “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”. Es bezeichnet die Spannung zwischen dem Ich und dem Außen. Diesen Balanceakt nennt man auch Moral. Ohne sie keine Eleganz.
Wenn der Begriff ein Synonym hat, dann heißt der Kultur. Fremd den Medienmogulen, Popstars, Models oder “Dallas”-Berühmtheiten. Er kommt von dem lateinischen colere – bebauen. Ich übersetze ihn kühn – falsch – richtig – leichtsinnig in die Worte des eleganten Verräters, traurigen Genies, eisig Bittenden – Gottfried Benn, der die Hoffart wie die Vergeblichkeit unseres Daseins, die beide das Wörtchen “eitel” birgt, zu skandieren wußte:

und heißt dann: schweigen und walten,
wissend, daß sie zerfällt,
dennoch die Schwerter halten,
vor die Stunde der Welt.

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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