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Nach einem Besuch bei Lilian Fock in Nardò und den Colazzos in Martano sowie einem Ausflug zu einem Weber und einem Krawattenhersteller in Apulien haben wir auf der Heimreise die internationale Leitmesse für Herrenmode besucht. Auf die geckenhafte und alberne Kostümierung vieler Messebesucher einzugehen, wollen wir uns verkneifen. Inwiefern ein sartoriales Dschungelkamp aber nützlich für die restlichen Besucher ist, bleibt das Geheimnis der Sprezzaturakasper und ihren willigen Selfie-Fans. Wir halten es aber für wenig hilfreich sich Selbstdarstellern in Stilfragen anzuvertrauen. Davon unbeeindruckt in die Hallen geschaut und keinerlei positive Überraschungen gesehen.

Vielmehr fährt dem nüchternen Besucher angesichts der ideen- und belanglosen Präsentation der Warenwelt eher ein Schreck in die Glieder. Seit der Erfindung der Kleiderpuppe scheint hier niemand mehr über interessante Präsentationsformen nachgedacht zu haben. Ausnahmen waren der Schuhmacher Carmina (im Design der eigenen Geschäfte) und Stoffproduzent Harris Tweed (mit klarer Bildersprache auf großformatigen Fotos).

Auffallend ist auch der allseits wachsende Trend zum “Total Look”, was soviel bedeutet wie “ich mache jetzt alles.” Wir sahen Hemdenmacher mit Kollektionen von Pullovern, Anzügen, Krawatten ja sogar Lederaccessoires. Der Krawattenspezialist Marinella macht in Jeans und andere selbsternannte “Luxus”-Marken machen ja schon länger ohne erkennbare Kernkompetenz alles.

Die Verbreiterung eines Sortimentes hat immer rein wirtschaftliche Gründe, wie die erfolgreiche Operation des Sportwagenherstellers Porsche zeigt. Ausgehend von der Kernkompetenz Sportwagen wurde der Markenkompetenz in andere Fahrzeugklassen transportiert. Das mag eingefleischte 911er Fans erzürnen, war aber wirtschaftlich erfolgreich. Wir verstehen allerdings nicht, welcher Markenkern von einer Krawatte in die Jeans transportiert werden soll. Und vermuten, dass sich auch der Hersteller darüber keine Gedanken gemacht hat.

Es ist ja bei Trends in deren weiteren Verlauf oft die Folge, dass man etwas tut, weil es andere auch tun. Meist ohne dabei einen eigenen Sinn und Nutzen zu gewinnen. Für uns geht hier Ideenlosigkeit in Angebot und Präsentation eine unheilige Allianz mit dem wirtschaftlichen “Konzept” ein. Eines scheint klar: Das Total Look Konzept ist auch nicht mehr auf den Fachhandel zugeschnitten und angewiesen, sondern baut auf Single-Brand-Stores oder Shop-in-Shop-Systeme. Keine schöne Aussicht.

Nach der Flucht aus dem süßlichen Gemisch vermeintlicher stilistischer Weltherrschaft hilft ein Besuch der architektonischen Sehenswürdigkeiten der Stadt am Arno und läßt diesen Vormittag im sanften Nebel der Bedeutungslosigkeit versinken.

 

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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