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Der Herrenwitz droht zum Opfer allgemeiner Spaßbefreiung und der Unlust am möglicherweise Inkorrekten zu werden. Hatte noch Rainer Brüderle mit einer Bemerkung zum Thema Dekolleté für einen Aufschrei der moralisch Berechtigten gesorgt, ist diese Form des Humors mittlerweile fast in der Versenkung verschwunden. Thomas Gottschalk, Harald Schmidt und Helmut Schleich haben ihr Möglichstes getan, sind aber ebenso wie der Herrenwitz heute ein Randmotiv des schrumpfenden humoristischen Universums.

Der Witz hat Herkunft und Geschichte – die älteste Witzsammlung wurde im fünften Jahrhundert in griechischer Sprache unter dem Titel “Der Lachfreund” verfasst und liefert 265 Scherze. “Ende des 17. Jahrhunderts bedeute witzig so viel wie geistreich und bezeichnete insbesondere die schnelle Gedankenverbindung, die intellektuelle Kombination oder die geistige Beweglichkeit. Von der Wortherkunft war der Witz ein heller, lebendiger Verstand („Mutterwitz“). Erst im 19. Jahrhundert wurde es üblich, das Wort in erster Linie auf die Produkte witziger Äußerungen zu beziehen und in diesem Sinne von einem Witz zu sprechen”, erklärt uns Wikipedia.

Kant, Schopenhauer, Freud haben über Witze viel geschrieben und analysiert – heute ist der Witz oft in der Verkleidung als Kalauer nur die Tagesarbeit dümmlicher Comedians. Der Herrenwitz, einst geistreicher oder -loser, zynischer, böser und oft derber Beitrag zur Entspannung komplizierter Situationen, einer weinseeligen Runde oder einfach nur banaler Angriff gegen einschläfernde Gespräche ist heute eigentlich nicht mehr tragbar. Herren sind auch beim Witzerzählen konventionell an Regeln gebunden, die einen Herrenwitz (also ein Witz unter Herren) schnell im Licht der sexuellen Belästigung funkeln lassen. Die Natur des Witzes ist nunmal der inkorrekte Inhalt, er kann, aber muss nicht dümmliche Frauenbilder reproduzieren und auch nicht platt kalauern – und so zeichnet sich guter Geschmack beim Witzerzählen sowohl in der Auswahl der Zoten als auch der Zuhörer aus.

Aber das ist offenbar zu mühsam oder gefährlich und so erfolgt heute – wo früher in einer Runde mal ein schneller Witz klug und pointiert vorgetragen wurde – meist eine Art gespielte Powerpointpräsentation, die sich häufig um berufliches, sportliche Herausforderungen, Bartpflege, Weinkennerschaft, handrollierte Einstecktücher oder Superfoods dreht. Gelacht wird seltener, der Ernst der Lage hat alle gleichermaßen erfasst und befreiender Blödsinn in Witzform scheint der Situation nicht mehr angemessen. Nicht mißverstehen: Dauerwitzerzähler sind die absoluten Obertrottel, ein im situativen Kontext gut plazierter Witz aber immer ein Zeichen eines noch wachen Geistes. Und: Ein Witz ist kein Ersatz für Humor.

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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