Alex Portrait - Foto by Mia Feline Goldenfox 6134

Wie sind Sie zum Lederhandwerk gekommen?

Vor etwa drei Jahren konnten wir hier in der Region niemanden finden, der hochwertige Gürtelschließen vernäht. So begann ich, mich mit der Materie zu beschäftigen – online und über alte Handwerksbücher. Ausserdem hatte ich das Glück, die richtigen Leute zu finden und zu fragen. Gerade anfangs ist es wichtig (wie fast mit Allem) etwas richtig gezeigt zu bekommen, um diese solide Basis dann für eigene Erfahrungen zu nutzen und Stück für Stück zu verbessern.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?

Die Tatsache mit einer der ältesten Materialien der Menschheitsgeschichte zu arbeiten. Die Charakteristik von gutem Leder und auch die Vielseitigkeit seiner Verwendung. Stücke zu schaffen, die geschätzt werden und auf Grund ihres Designs, der hochwertigen Materialien und der Verarbeitung das Zeug dazu haben lange Zeit Lieblingsstücke zu sein, vielleicht sogar vererbt zu werden. Die Freiheit, bei strahlendem Sonnenschein eine kurze Arbeitsunterbrechung zu beschließen, genau so wie bis spät in die Nacht an einem Stück zu arbeiten.

Rund und Diamantahle 6121

Was ist Ihnen bei der Herstellung wichtig?

Ich arbeite ausschließlich mit den Händen. „Handmade“ wird zur Zeit sehr inflationär verwendet, selbst für Arbeit die hauptsächlich an Maschinen stattfindet. Kernmerkmale für gute Lederarbeit, wie die Nähte und auch die Kanten, sind nur mit den Händen gefertigt richtig gut. Sobald es echte Handarbeit ist, überlegt man sich bei der Fertigung sehr genau welches Material man verwendet, was nötig und was unnötig ist. Ich könnte mit ein paar Werkzeugen und Materialien überall arbeiten, selbst ohne Strom.

Wer ist für das Design ihrer Produkte zuständig?

Ich greife auf Erprobtes zurück und lasse mich gerne inspirieren. Das Rad muß nicht neu erfunden werden. Ledererzeugnisse die bereits Jahrzehnte würdevoll Ihren Dienst im Alltag verrichtet haben können nicht falsch sein. Zu verstehen worin ihre besondere Haltbarkeit lag hilft mir als Autodidakt sehr. Diese Erkenntnisse lasse ich in meine Produkte einließen. Und dann gibt es natürlich den direkten Einfluss von Freunden, Familie und meinen Kunden.

Kantenhobeln 6129

Sie machen alles selbst?

Bei den Stücken die nicht ausschließlich aus Leder gefertigt werden, arbeite ich mit erfahrenen Näherinnen, die hier vor Ort bei einer sozialen Einrichtung tätig sind zusammen. Von ihnen werden zum Beispiel die Taschen aus dem gewachsten englischen Zeltplanenstoff/Canvas genäht. Wenn es dann wieder „ans Leder“ geht, komme ich zurück ins Spiel.

Haben Sie Vorbilder aus Ihrer Branche?

Natürlich. Ich habe das Glück einen perfektionistischen Mentor (Arno Buck) zu haben. Dieser schaut bei seinen Radtouren immer wieder auf einen Kaffee vorbei und nimmt gerne ein Stück selbstgebackenes Brot mit. Im Gegenzug schaut er mir kurz auf die Hände und gibt seinen knappen, treffenden Kommentar ab – das ist Gold wert. Und dann gibt es natürlich auch die entfernteren Idole wie z.B. Sima Prague, dessen Arbeiten ich sehr schätze. Ausserdem lasse ich mich von fast allem, was japanische Lederwerker fertigen inspirieren.

minimal wallet um die ecke 6119

Und welche sonst noch so?

Außerhalb der Branche gibt es immer wieder Großartiges und Großartige. Ein Bäcker, der noch seine eigenen Sauerteigkulturen pflegt, statt Backenzyme zu verwenden und gute, ehrliche Brot backt. Ein traditioneller Handwerker, dem es gelingt mit seiner Handarbeit Zeitloses mit Charakter, Charme und Seele zu erschaffen. Ein Musiker, der sein Instrument in höchster Perfektion spielt. Menschen die sich tagtäglich mit grossem Engagement sozial einbringen, wie beispielsweise Pflegepersonal. Es gibt so vieles.

Worin unterscheidet sich Ihre Produktion und Ihr Angebot?

Ich arbeite ausschliesslich auf Bestellung. Stunde um Stunde widme ich mich einem Stück bis es gefertigt ist. Die Inszenierung meiner Werke und die Dokumentation ihrer Herstellung durch meine Fotografie spielen im digitalen Zeitalter eine große Rolle. Oft kommt es durch die Veröffentlichung der Bilder zu Folgeaufträgen und es entstehen Trends.

Lederwerkzeug 6128

Wie schwer ist es heutzutage gute Lederqualitäten zu finden?

Schwer. Und es wird immer schwerer. Der Preisdruck auf die Gerbereien ist immens. Wer nicht außergewöhnlich gut ist und sich gut vermarktet, dem hilft selbst ausgezeichnetes Leder wenig. Einige Schliessungen von sehr guten Gerbereien habe ich bereits miterlebt. Hinzu kommt, dass die schwere Arbeit des Gerbens heute kaum noch jemand verrichten will. Es liegt also an mir/uns diese Gerbereien zu unterstützen und deren weitere Existenz zu gewährleisten, indem ich/wir dem Kunden die Unterschiede näherbringen.

Handwerk und Handarbeit erleben ja gerade ein Revival. Trifft das auch Ihre Produkte zu?

Absolut, die Nachfrage ist sehr groß. Ehrliche Handarbeit wird geschätzt. Jedem mit Blick für Details wird etwas für sich in meinen Werken entdecken.

Was ist der “Renner” in Ihrem Angebot?

Der „Renner“, das Fundament und ebenso der Beginn für die Manufaktur waren und sind die Tote Bags. Aber auch die belederten Flachmänner gewinnen immer mehr an Aufmerksamkeit.

Sie fertigen Handtaschen für Damen. Sind Frauen schwieriger als männliche Kunden?

Überhaupt nicht. Meine Taschen sind ehrlich und klar, sie sprechen ein besonderes Klientel an. Ganz selten kommt es hier zu Wünschen die schwer zu erfüllen sind.

Gibt es Pläne/Ideen/Produkte für die nächste Zeit?

Oh ja. Es schlummern noch einige Ideen im Hinterkopf. Ein Paar sind bereits ausgereift, die Umsetzung erfordert Zeit, die ich im Moment nicht habe, mir nicht nehme oder nicht nehmen will. Es vergehen Tage bis Wochen ein neues Produkt zu konzipieren und zu fertigen. Angefangen beim Puzzelspiel im Kopf, wenn es darum geht Details zu erdenken um sie kurz darauf wieder zu verwerfen. Mein Sortiment ist ausgewogen. Neues kommt hinzu, wenn die Zeit reif dafür ist.

Clutch Rahel 6124

Was machen Sie, wenn Sie nicht mit Leder arbeiten?

Ich bilde mich weiter oder grübel an Details herum. Mal schnappe ich mir ein Kanu und paddle auf den Bodensee raus. Waren es früher noch mehrtägige Bergtouren in den Alpen, ist es jetzt eher eine Tageswanderung. Das Brotbacken ist eine Passion die mich schon Jahrzehnte fesselt, sie lässt sich hervorragend mit dem „Ledern“ verbinden. Neben dem greifbaren Sauerteig Brotlaib verströmt das Backen einen ungreifbaren, schönen Duft bis ins Atelier. Den angenehmen Ledergeruch nehme ich leider schon gar nicht mehr wahr, also auch willkommene Abwechslung.

Schenken Sie uns eine Weisheit

Bedenke: „Wer bekommt mein Geld“? Dies ist eine sehr gute Möglichkeit etwas zu verändern. Einen Euro beispielsweise direkt beim Kleinbauern für einen Liter Milch zu investieren ist es wert. Einen Euro für nen Burger, nicht wirklich. Diesen Grundsatz, nach dem ich bereits einige Jahre lebe (natürlich auch nicht immer 100%ig) lässt sich auf viele Bereiche anwenden mit Vorliebe auch auf Slow-Wear.

Bitte noch ein paar Angaben zu Person:

Geboren 1973, im April. Am Bodensee aufgewachsen. Viele Länder schon bereist – auch Panama. Mittlerweile durchaus zufrieden, hier angekommen zu sein – am Bodensee. Viele Jahre in der IT-Branche. Vor der Selbstständigkeit ein Jahr Bootsbauer.

Mehr unter: http://alexandervonbronewski.de/

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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