Wir haben Post in der Mailbox, uns schreibt ein persönlicher Stilberater, der uns gleich ein paar schöne Textil-Allerweltsteile in einer Box schicken möchte. Dies insbesondere, weil er unseren Stil kenne und wüsste, wie ungern wir einkaufen gingen. Tatsächlich? Schon die Oma hat gesagt “Von Fremden kaufen wir nix” und so bleibt die Mail des jungendlichen Hipster-Klons unbeantwortet. Aber hinter dieser plumpen Anmache steht der wachsende Markt des sogenannten kuratierten Einkaufs – ursprünglich eine im Facheinzelhandel oft praktizierte Technik, mit deren Hilfe Produkte ausgewählt werden, die dem Kunden gefallen könnten.

Daraus entstanden dann die Concept-Stores, deren Angebot  – neben Textilien – auch ein erweitertes Spektrum rund um die vermutete Lebenswelt (von Büchern bis Rasierseife) der Kunden umfasst. Diese Vertriebsform ist als stationärer Einzelhandel durchaus erfolgreich und zählt zu den letzten attraktiven Bastionen des Einzelhandels. Seit geraumer Zeit sind Handelskonzerne und andere dabei via Internet dem vermeintlich einkaufsfaulen Mann Setz- und Baukästen mit Kleidungsstücken als Segnung in der unübersichtlichen Konsumwelt zu verkaufen. Hier wird mit Stilberatern (Style Advisor) “kuratiert”, was ohnehin schon überall verfügbar ist. Graues Jacket, weißes Hemd, beige Hose plus Socken ist in etwa die Schöpfungshöhe des Angebotes. Die Unifom der offenbar Einfalls- und Lustlosen kommt per Post, kann zuhause probiert und dann auch retourniert werden. Ist sicher komfortabel für Einnödbauern, Einsiedler oder Menschen mit sozialen Phobien.

Alle anderen können sich einen schönen Tag in der Stadt oder auf dem Land machen, sich von fachmännisch “kuratierten” Angeboten des Einzelhandels inspirieren lassen (sogar in einem echten Laden), Menschen gucken, reden, etwas essen, eben das tun, was Spaß macht. Diese Form der “Unterhaltung”, wie viele sie von den Besuchen der Händler in Frankfurt, München, Hannover oder Berlin kennen, ist Teil des Einkaufserlebnisses und auch Teil unserer Kultur. Wer keine Lust hat einzukaufen, bleibt eben zuhause. Ein banales und austauschbares Textil-Angebot in einer Box zu verschicken, hat aber nichts mit kuratieren zu tun, sondern ist eher eine ordentliche Logistik-Leistung.

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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