von Jürgen Wolf

Vielleicht kennt noch jemand diesen grenzüberschreitenden Film-Klassiker aus dem Jahre 1976, der so schockierend pornös war, dass er zur damaligen Berlinale beschlagnahmt wurde. Mit den heutigen Augen würde er anders gesehen, weil unsere Sinne Dank Youporn & Co. abgestumpft sind. Der Überfluss hat auch hier sein Werk verrichtet.

Am Ende des 19. Jahrhunderts, als die ersten Kaufhäuser ihren Siegeszug antraten, war das Motto “Explosion der Sinne”. Frauen wurden als neue Käuferschicht entdeckt und veränderten den Handel. War es den Damen bisher nur erlaubt, zum Kirchen- oder Friedhofsbesuch aus dem Haus zu gehen (in den oberen Schichten nur in Begleitung einer Anstandsdame), bahnte sich die weibliche Begeisterung von nun an ihren Weg in Richtung Shopping.

Ein Quantensprung in der gesellschaftlichen Entwicklung, der Vieles grundlegend veränderte. Der Schriftsteller Emíle Zola beschreibt 1884 in seinem Buch „Au Bonheur des Dames“/“Das Paradies der Damen“ eindrucksvoll und akribisch den Aufstieg der großen Kaufhäuser, durch eine gänzlich neue Verführungskunst der hauptsächlich weiblichen Kundschaft. Dies geschieht exemplarisch am Beispiel Paris, hätte aber ebenso in London oder New York beschrieben werden können. Diese Entwicklung war übrigens gekoppelt an den Niedergang des kleingewerblichen Einzelhandels. Kennen wir das nicht irgendwoher? Amazon und Zalando lassen grüßen.

Und ewig grüßt das Murmeltier

In den 133 Jährchen seit Zolas Buch hat sich nicht viel verändert. Die Frauen haben der Mode zum Durchbruch verholfen und befeuern die Umsätze immer noch in einem Verhältnis von locker 2/3 zu 1/3. Das verwundert jetzt keinen von uns, aber zumindest sollte es uns nachdenklich stimmen. Der Mann hingegen steckt immer noch im Bann der Militärbekleidung. Der Herrenanzug geht auf die Zeiten des Barock und der prachtvollen Schlösser zurück. Eine Zeit in der auch die ersten festen Heere gebildet wurden, denen man einheitliche Uniformen verpasste. Quasi eine parallele Entwicklung, bei der sich Anzug und Uniform nie wirklich fremd waren. Das vielbeschriebene Reitkostüm des britischen Adels mag, zumindest zum Ende des 18. Jahrhunderts, auch noch seinen Einfluss eingebracht haben. Aber festzuhalten ist, der Anzug ist eine Uniform und standardisiert noch heute die Männerwelt. Uniform ist nebenbei englisch und heißt in unserer Sprache: einheitlich.

Das Ding aus einer anderen Welt

Es gibt aber auch Veränderungen. Allerdings solche, bei denen sich die Menswear-Anbieter krampfhaft mit zwei Händen Popel aus der Nase ziehen. Dann entsteht so etwas wie der Trend zu Hosen mit einem Gummibund, Joggerpants genannt, die, womöglich noch aus einem Wollstoff hergestellt, sogar unter einem Sakko getragen werden sollen/können. Lustig anzusehen, wenn der Träger mit diesem Outfit die Stufen zum angesagten Gourmet-Tempel erklimmt und die Bändel der Hose zärtlich das Gemächt umspielen.

Diesen Trend haben übrigens Skater in die Welt gesetzt, wie so viele andere Trends auch. Dort gehört er aber auch hin und ist gut aufgehoben, weil er beim Skaten nämlich Sinn macht: Wenn die Familienjuwelen Platz haben, gelingt das eine oder andere spektakuläre Manöver einfach besser, als mit einer entmannenden Jeans der Vorlycrazeit. Ich würde übrigens noch nicht einmal auf die Idee kommen, bei vollkommener Dunkelheit, an einem Sonntagabend, an dem die deutsche Tatortgemeinde das Haus eh nicht verlässt, in solch einem Outfit zur Tankstelle zu fahren. Gummizughosen sind etwas für Jungs im Babyalter, wenn das kleine Kinderbäuchlein den Bund der Windel noch leicht verdeckt und dort ein Ledergürtel das Maximum der Folter darstellen würde.

Immerhin und das muss ich der Branche lassen, hat man sich auf einen „Trend“ geeinigt. Hierzu bitte die Forderung von B. Lochschmidt (Direktor GFK, Fashion & Lifestyle) in der TW Nr. 01/2017 nachlesen: …die Devise, „Man kann alles zu allem tragen“ endlich zu beenden und echte neue Trends zu generieren.

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Das Reich der Sinne wieder auferstehen zu lassen, ist das Gebot der Stunde. Dafür ist die Industrie verantwortlich. Damit meine ich Marken UND Händler. Hier kapriziert man sich in Flächenverwaltung und Zahlenmanagement, wovon der Endverbraucher aber nicht wirklich scharf wird. Hinzu kommt dann noch der oft falsch verstandene Aufruf zum Omnichanneltum. Das kann sich ein Breuninger oder Engelhorn erlauben. Manch anderem wird es frühzeitig das Genick brechen.

Es mag ja sein, dass viele Endverbraucher heutzutage einer Horde Zombies gleichen, die ohne Hunger zu verspüren einfach in alles hineinbeißen was mit einem Rabattschild versehen ist. Ein Volk von gelangweilten, übersättigten Menschen, die der Mode nicht wirklich etwas abgewinnen können. Aber: Gibt es zwischen der Uniform und der Joggerpant nicht noch Raum für neue Produkte der Sinnlichkeit?

About a boy

Müssen wir zuerst über den zu erfindenden Artikel oder vielleicht doch zuerst über den zu beglückenden Mann nachdenken? Wir sind mal ganz verrückt und wenden unsere Gedanken dem Mann von heute zu. Ein erwachsener Mann ist über 30. Diese Generation kennt alles, hat alles, für sie gibt es alles. Und das gefühlt seit immer und ewig. Die Surfshort, wie auch den Anzug. Genau wie das Skateboard, den Kunststoff-Ski, das BMX, das MTB, etc. Am Ende ist dieser Generation vieles nebensächlich bis egal, was früher fasziniert hat und was eigentlich immer noch Strahlkraft besäße. Die Sinne sind abgestumpft. Der Überfluss hat sein Werk verrichtet.

Als ich noch keine zehn Jahre alt war, hatte mir der SEARS AND ROEBUCK Katalog unserer amerikanischen Nachbarn die Sinne reichlich verwirrt. Was ich sah, sah ich zum ersten Mal. Ein Gefühl, welches mein Sohn gar nicht kennt. Die einzige die Sinne berauschende Neuerung in seiner Generation war das Smartphone. Aber es gibt Hoffnung, denn teilweise hat diese Generation von „Käufern“ zumindest das Echte und Wahre der 90er wieder für sich entdeckt. Eine Zeit, in der noch “neue” Trends geschaffen wurden. Die Neuzeit langweilt sie bis zur Ablehnung.

No Country for Old Men?

Was aber machen die Männer über 40? Was will die zahlungskräftige Klientel denn wirklich? Männer, die ihr Geld eigentlich in dicke Autos stecken sollten und in äh?, was denn eigentlich noch? Ach ja, Anzüge für ihren Job. Und manch einer in Sportgeräte. Vielleicht ist aber auch genau diese Gruppe eine bedauernswerte Generation. Männer, die unsere Hilfe brauchen. Männer, die, sorry wenn ich schon wieder darauf herumkaue, mit der ersten Streetwear Welle großgeworden sind.

Männer, die sich ihre Kleidung schon immer selbst gekauft haben und vor allem wussten, warum sie das Eine dem Anderen vorzogen. Männer also, die wissen was sie wollen, es aber nicht mehr finden. Männer, die die Industrie nur in ihrem toten Winkel hat. Männer, alt genug für einen Anzug. Männer, die einen Anzug tragen, ihn aber vielleicht langweilig finden. Zumindest nicht aufregend. Das ganze passiert in einer Zeit, in der die Jugend sogar das Interesse am Auto verloren hat. Wie sagen die Rüsselsheimer so schön? „Umparken im Kopf“. Was Opel zumindest Achtungserfolge bescherte, sollte auch ein Motto für die Männermode sein: Lasst uns mal Sachen machen, auf die wir einen ordentlichen „Boner“ bekommen. Ist das zu viel verlangt? In der Sinnlichkeit liegt die Lösung.

Wie hat mal einer der bekannten Sexforscher gesagt? „Sex findet im Kopf statt und nicht in den Fortpflanzungsorganen!“ Irgendwo in dieser Gegend dürfte wohl auch die Mode „stattfinden“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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