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Wir leben in einer Welt, in der sich jeder eine Reise leisten kann – eigentlich schön, denn Reisen soll ja bilden. Was dem Betrachter aber in europäischen Städten, Stränden und Seen an touristischer Bekleidungsinkompetenz entgegen schreit, ist eher ein Zeichen des Bildungsnotstands. Wir sehen in Paris, London, Rom, München und am Chiemsee sandalenbeschuhte Touristenströme  in Outdoorbekleidung, gewappnet mit Rücksäcken und teilweise auch noch bewehrt mit Nordic-Walking-Stöcken. Diese Horden von Wandersleuten bevölkern die schönsten Plätze Europas und verstellen den Blick auf vereinzelt noch sichtbare Einwohner der genannten Städte, Sehenswürdigkeiten oder Naturschönheiten.

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Diese wiederum erkennt man im Sommer zumindest in südlichen Ländern daran (männliches Exemplar), dass sie zu keiner Sommerzeit in einer Stadt mit kurzen Hosen oder Sandalen herumschlappen. Wohltuend die Abende nach dem Abzug der marodierenden 7/8-Hosen-Seniorenhorden, nuttiger Leggingsträgerinnen und tätowierter Flip-Flop-Schlapper. Dennoch: Ganz Europa hat eine ästhetische Krise, denn die Touristen, die in den Metropolen und Ferienregionen in ihren atmungsaktiven Polyesterklamotten für ein Gruppenbild fehlender Selbstachtung sorgen, kommen ja überwiegend aus unserem Kulturraum (der mittlerweile zur Umkleidekabine des Schreckens mutiert ist).

Deutsche, Briten, Holländer, Belgier und Franzosen, alle geeint durch fehlenden Bekleidungs-Respekt: Die textile Ausprägung des Dunning-Kruger-Effekts präsentiert sich als rotes Band des Schreckens kurzbehost und in Schlappen in der Kirche, in muffigen und zu engem Outdoorleibchen auf der Piazza Navona oder sicherheitshalber mir freiem Oberkörper auf der Fraueninsel. So zeigt sich der Tourist in den Kulturhauptstädten und an anderen Sehnsuchtsorten als Vandale des Geschmacks. Da stehen sie nun und bewundern die Meisterwerke vergangener Zeiten, preisen die Schönheit von Kunst und Architektur oder schmachten wunderbare Landschaften an und sehen selbst nur aus wie ein textiles Dixie-Häusschen.

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Fehlende Kinderstube, falsch verstandene Gestaltungsfreiheit, Dummheit und bloße Hässlichkeit vereinen sich dieser Tage wieder zum alljährlichen sommerlichen Barbaren-Ansturm. Dem Wunsch vereinzelter Museen, Kirchen oder Lokale nach einer dem Umfeld entsprechenden Bekleidung wird mit Entrüstung als Angriff auf die persönliche Freiheit begegnet. Aber was ist eigentlich mit der Freiheit ästhetisch gebildeter Menschen und derer, die noch wissen, dass Wanderbekleidung nur auf dem Watzmann nötig ist und Flip-Flops eigentlich nur von Bademeistern getragen werden?

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DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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