Der Mensch wird als ein Barbar geboren und nur die Bildung befreit ihn von der Bestialität. Die Bildung macht den Mann, und um so mehr, je höher sie ist. Kraft derselben durfte Griechenland die ganze übrige Welt Barbaren heißen. Die Unwissenheit ist sehr roh: nichts bildet mehr als Wissen. Jedoch das Wissen selbst ist ungeschlacht, wenn es ohne Eleganz ist. Nicht allein unsre Kenntnisse müssen elegant seyn, sondern auch unser Wollen und zumal unser Reden. Es giebt Leute von natürlicher Eleganz, von innerer und äußerer Zierlichkeit, im Denken, im Reden, im Putz des Leibes, welcher der Rinde zu vergleichen ist, wie die Talente des Geistes der Frucht. Andre dagegen sind so ungehobelt, daß Alles was ihr ist, ja zuweilen ausgezeichnete Trefflichkeiten, eine unerträgliche, barbarische Ungeschlachtheit verunstaltet.” (Baltasar Gracian. Handorakel und Kunst der Weltklugheit)

Zu den aussterbenden Schönheiten unserer digitalisierten und banalisierten ästhetischen Gegenwart gesellt sich seit längerem die Eleganz. Als Kreuzworträtsel-Frage bietet Eleganz vier verschiedene Lösungen mit 4 bis 9 Buchstaben: Chic, Anmut, Feinheit, Geschmack. Im Alltag gibt so gut wie keine Lösungsangebote mehr für die Eleganz. Im Baumarkt als Bezeichnung für Badearmaturen, Innentüren oder Firstziegel im Gebrauch, ist der Begriff mitterweile inflationär für alles und jenes, ohne jedoch gelebten Anlass für seine richtige Anwendung im Angesicht unseres Alltags zu liefern.

Eleganz kostet Geld, Zeit und Verzicht auf Angeberei. Die stillen Signale einer sozialen Zugehörigkeit taugen nicht dazu, in der Massengesellschaft aufzufallen. Dafür eignet sich viel eher exzentrisches Verhalten. Elegant ist nicht so sehr ein einzelnes Kleidungsstück oder ein Accessoire wie die Bewegung, mit der sie getragen werden. Die Mehrsilbigkeit betont den Bewegungscharakter der Eleganz. Die Bewegung vermittelt Erscheinung und Verhüllung, Innerlichkeit mit äußerem Verhalten ebenso wie Positionen im gleichen Raum, die Interessen der eigenen Person mit denen der anderen. Elegant ist die Vermittlung, wenn sie schicklich und geschickt zugleich ist. Die Eleganz steht für das Wahrscheinliche. Sie kommt aus der Rhetorik. Belastet aber ist sie mit der Funktion der sozialen Distinktion. Sie muß die Guten und Schönen von denen unterscheiden, die ihre Mühsal nicht verbergen können. Die Guten und Schönen leisten sich die Identität von schön und gut, die von der rhetorischen Angemessenheit weitergetragen wird. Die Edlen wollen gut und schön reden und handeln. Reden ist Handeln. Damit drängt die Eleganz in den Bereich der Klugheit. Die Rhetorik formuliert die Begriffe der adeligen Lebenskunst: Lässigkeit, nonchalence, désinvolture. Doch das Handeln soll nicht nur elegant wirken, die Eleganz soll auch erfolgreich sein. Sie haut einen vertrackten Knoten nicht durch, sondern löst ihn auf in einer Bewegung.. „Eleganz“ umfaßt den ganzen Bereich des Handelns und Machens und verkörpert hier die freie Bewegung zur Lösung hin, die noch im hergestellten Ding zu spüren ist“. (Die Lässigkeit der Eleganz, Hannes Böhringer)

Die Frage, ob in unserem Alltag  jenseits von Kunst und Kultur oder der Eleganz der Natur und ihrer Schöpfungen noch Platz für die gute alte Eleganz ist, scheint bei der Durchsicht des Angebotes schnell beantwortet. Denn selbst ästhetisch engagierte Menschen teilen sich überwiegend nur noch in Bildern und Ausschnitten mit. Die sozialen Medien sind aber nicht geeignet Eleganz zu transportieren, sie zeigen ohne Kontext lediglich Figuren die gerade etwas anhaben (den günstigen Suede Tassel von Farfetch mit coolen Strümpfen und der noch nie gewaschen raw-xxy Jeans). Aber nie und nimmer wird hier auch nur ein winziges Quentchen Strebsamkeit in Richtung echter Eleganz vorgeführt, denn dazu wäre ja mehr nötig als das Posten von Outfits.

Gleichzeitig scheint die abnorme Ich-Bezogenheit vieler Kleidungsdarsteller (meine Krawatte und ich Ton in Ton mit dem Sonnenuntergang in Wipperfürt) auch ein wichtiges Hindernis bei der Auffindung der letzten Zeichen einer alltäglichen Eleganz in ihrem und unserem Lebensumfeld zu sein. In der Filterblase ist Zeigen nunmal wichtiger als Schauen, gezeigt wird viel, zu sehen ist eigentlich nichts. Und so betrachten wir digitale Panini-Bildchen, die nur visuelle Quittungen von Einkaufs- oder Verkaufserlebnissen sind. Nicht auszuschließen, dass hierbei auch vereinzelt Eleganz in Form von Gestaltung oder Verarbeitung ins Bild kommen kann, aber aus Sicht des Autors ist die Zurschaustellung der Kleidung und Accessoires eines erwachsenen Mannes unwürdig und steht eher in der Linie von DSDS als der Prinzenerziehung.

Und auch wenn Eleganz eben nicht nur durch Bekleidung determiniert ist, so steht sie doch weitgehend in ihren Resten als deren Synonym und Mittel sozialer Distinktion. Doch auch hier ist die Deutungshoheit zu den Themen der vermeintlichen Eleganz im Bekleidungssektor eine Geisel von ein paar selbstreferenziell und ego-stilistisch agierenden Meinungsoligopolen – in Deutschland kommt noch der eine oder andere rustikale Stilexperte ins Spiel, der für Geld grundsätzlich ein entschiedenes sowohl-als-auch zu Eleganz proklamiert – und erschöpft sind Thema und Zuschauer. Doch Eleganz präsentiert sich nicht als Business, Vorbild, Methode oder Regel – sie löst den Einzelfall indem sie die richtige Antwort auf die besonderen Umständen der Situation findet. Ihr Geheimnis sind dabei Lässigkeit und mondäne Gelassenheit.

Insgesamt scheinen die Eleganz und Ihre Verwandten aus der Familie der zivilisatorischen Errungenschaften, die meist mit dem Streben nach einem verfeinerten Lebensstil in allen Bereichen des Alltags einhergehen, unter einer Lawine von Selbstdarstellung, Praktikabilität, Bequemlichkeit, Allergien, Ideologien, Gleichmacherei und einer zunehmenden öffentlichen Präsenz eher eindimensionaler Menschen stark in die Defensive zu geraten.

In diesem Sinne:
Dieses Nebeneinander, diese Dialektik des scheinbar Profane mit dem Feinen, des Soliden mit dem Frivolen, das für ihn die Voluptas sei, was auf Lateinisch Lebensgefühl heiße. Die richtige Balance in dieser Hinsicht sei natürlich auch enie Frage der Haltung, so der Minister weiter, man müsse es vermögen, an beiden Polen des Spektrums eine bella figura zu machen. Ja, man müsse eine gewisse Strozzapreti ausstrahlen, um sich als Deutscher in Venedig nicht augenblicklich der Lächerlichkeit preiszugeben”.
(Hochdeutschland, Alexander Schimmelbusch)

 

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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