In das ewige Gejammer um den vermeintlichen Verfall sartorialer Kultur möchte man hier nicht mehr einstimmen, denn der Austausch immergleicher Positionen ohne sichtbare Wirkmächtigkeit ist nutzlos.

Deutlich ist: Die alte Welt klassischer Herrenbekleidung versinkt in einem großen Wandel diametral veränderter Ansprüche und Wünsche an Kleidung. Dem haben die gegenwärtigen Protagonisten sartorialer „Kultur“ nichts außer dem Posten von Selfies im Sekundentakt entgegenzusetzen. Wie – oder ob – der scheue Kunde von diesen selbsternannten Repräsentanten des „guten“ Stils wieder für etwas begeistert werden kann, was ganz offensichtlich die besten Zeiten hinter sich gelassen hat, bleibt abzuwarten.

Gänzlich armselig ist aber die Form dieser Auftritte, denn den Betrachter der modernen Kommunikations- und Mitteilungsmedien springen Ü40 Männer an, die, wie 12-jährige Teenager, in Aufzügen, auf Bahnsteigen oder mit Gattin im Hotelzimmer posen und irgendwelche Anzüge zeigen, die sie gerade von irgendeinem armen Schneiderlein geschenkt bekamen, der sich von den Selfie-Gentlemen Aufmerksamkeit für sein Produkt verspricht.

Optisch eher an ein geschneiderte Therapiegespräche erinnernd, werden die Bilder meist von anderen Selfie-Fanaten, Branchenteilnehmern oder den nur glotzenden Sartorial-Nerds geliked und beklatscht. Gleichzeitig steigt die Langeweile bei der Betrachtung des Großvater-Looks der deutschen Gentleman-Litfaßsäule, des französischen Winnetous im schlecht sitzenden Zweireiher oder irgendeines bärtigen melancholisch dreinblickenden Nordmannes im neapolitanischen Dreiteiler.

Diesen gesponserten Kleiderpuppen geht nicht nur jegliche Ironie, freier Geist – jenseits des zur kulturellen Leistung erhoben eigenen Besserkennerwissens – oder kulturelle Schöpfungshöhe ab. Sie erreichen auch nix – außer der immergleichen Filterblase. Während sich die Welt verändert, Streetstyle den Business-Look meuchelt und Youngster darüber nachdenken, ob sie sich ein Youtube-Video auf ihrer Krawatte anschauen müssen, ziehen die verstaubten Lordsiegel-Bewahrer auf dem Hashtag-Strich ihre Spiegelbild-Runden durch die sozialen Medien.

Gerne werden sie noch im Printbereich als possierliche Protagonisten der „alten“ geschneiderten Hochkultur mit Stil und Etikette in dem einen oder anderen Inflight-Magazin, der Apothekerrundschau oder Tweed präsentiert. Allein: Ihr Dienst, der die Bekanntheit der „vorgetragen“ Produkte und deren Macher steigern sollte, ist nur ein eitles Imponiergehabe. Dies dient eben nicht dem (guten) Zweck, die Faszination für die Leistung des traditionellen Handwerks (an jüngere Zielgruppen) weiterzutragen, vielmehr sehen wir einen Ego-Trip, der individuellen materiellen Interessen folgt, oder die eine oder andere Neurose bekleidet.

Die Suche nach Vorbildern und wachen Geistern, die mit eigenen Stil auftreten, ist seit geraumer Zeit niemanden mehr so gut gelungen wie weiland Scott Schumann – danach kamen geckenhafte Dandy-Publikationen in denen sich übereitle Marktteilnehmer selbst als Stil-Ikonen beklatschen. Am Ende steht der Instagram-Feed, der ein selbstgebasteltes Bilder-Karussell der Ideenlosigkeit und des schlechten Marketings für die gute Sache geworden ist.

Fazit: Neue Ideen sind die Zukunft handwerklichen Könnens, nicht die Reproduktion musealer sartorialer Traditionsschablonen.

 

 

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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