Schönheit hat es gerade nicht leicht, Normcore, Enteignungs-Ästehtik, Wellness-Verblödung und Bequemlichkeits-Furor sind die starken Gegner einer wünschenswerten und zivilisatorisch hilfreichen Suche nach Verfeinerung unseres Alltags. Es muss wieder ein Schönheits-Ruck durchs Land gehen – die Ausstellung „Beauty“ in Frankfurt leistet hierzu einen sichtbaren Beitrag.

Gemeinsam mit seiner Studiopartnerin Jessica Walsh liefert Grafikdesigner Stefan Sagmeister mit dem neuen Ausstellungsprojekt Beauty ein ganz persönliches Plädoyer für die Lust am Schönen. Mit interaktiven Installationen nimmt das renommierte Designduo Sagmeister & Walsh die Besucher mit auf eine sinnlich-vergnügliche Suche: Was ist Schönheit und warum fühlen wir uns von ihr angezogen?

 Die eigens für die Ausstellung produzierten Installationen zusammen mit zahlreichen Beispielen aus Produktdesign, Stadtplanung, Architektur und Grafikdesign animieren zum Sehen, Riechen und Fühlen und treten den Beweis an, dass schön gestaltete Arbeiten die menschliche Wahrnehmung stimulieren und damit besser funktionieren. Unterstützt von Erkenntnissen aus der psychologischen Ästhetik, aus Geschichte, Philosophie und den Naturwissenschaften vertreten Sagmeister & Walsh den Standpunkt, dass Schönheit mehr ist als eine rein oberflächliche Strategie: Sie beeinflusst unseren Alltag, stimuliert unsere Wahrnehmung und macht die Welt zu einem besseren Ort.

Nahezu im gesamten 20. und 21. Jahrhundert war und ist Schönheit im Designdiskurs eher negativbesetzt. Dieser Antipathie setzen Sagmeister & Walsh Argumente entgegen und machen Schönheit als einen zentralen, funktionalen Aspekt ansprechender Gestaltung erlebbar.

Rund 70 Objektgruppen, gegliedert in sechs Ausstellungsthemen –„Was ist Schönheit?“, „Die Geschichte der Schönheit“, „Im Auge des Betrachters“, „Schönheit erleben“, „Transformierende Schönheit“ und „Contemplating Beauty“, entfachen einen ästhetischen Diskurs zur Schönheit als Paradigma für hochwertige Gestaltung. Bereits auf dem Weg zur Ausstellung flaniert man auf der Rampe des Richard Meier Baus an Neonlettern vorbei, die mit einer möglichen Definition von Schönheit aufwarten: „Beauty is a combination of shape, form, composition, material and texture to please the aesthetic senses, especially the sight.“ Beim weiteren Aufstieg begegnet man der interaktiven Installation One Hundred and Forty-fourvon Nils Völker: 144 an der Wand montierte Plastiktüten, die jeweils mit Mikrokontrollern ausgestattet sind, füllen und leeren sich abwechselnd mithilfe von zwei Ventilatoren mit Luft. Die abwechselnden Sequenzen den Eindruck von lebendigen und wabernden Kreaturen oder eines perfekt abgestimmten, intelligenten Schwarms.

Im ersten Obergeschoss angelangt, geht es im ersten Ausstellungskapitel direkt um die zentrale Fragestellung: „Was ist Schönheit?“. Die viel diskutierte Frage, was Schönheit ausmacht, beantworten Sagmeister & Walsh mit Fakten: Schönes wirkt unmittelbar auf die Dopaminrezeptoren und auf das Empfinden, somit kann schöne Gestaltung als funktionell verstanden werden. Symmetrie definieren Sagmeister & Walsh als weitere universelle Komponente des Schönheitsempfindens.

Diese These untermauern sie mit mehreren interaktiven Installationen: Unter anderem begegnet man einem Vogelschwarm, der auf einer Großleinwand projiziert wird und dessen Dichte und Geschwindigkeit sich steuern lässt. Es belegt, dass ausbalancierte Muster schon von Natur aus tendenziell bevorzugt werden. Spätestens beim Durchschreiten des mit Projektionen bespielten Nebelvorhangs ist man vollends von der Thematik umhüllt.

Beispiele aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte lassen im Ausstellungsbereich „Die Geschichte der Schönheit“ keinen Zweifel am historischen Begehren nach Schönheit. Als sexuell anziehend empfinden wir nicht nur physische Schönheit, sondern auch die Fähigkeit, schöne Dinge zu kreieren. Das war schon in der Prähistorie so: Für den symmetrischen Schliff von Steinäxten gab es keine Begründung, allerdings gewannen die Hersteller dieser Werkzeuge mit ihrem Gefühl für symmetrische Gestaltung und mit feinmotorischem Können an Attraktivität.

Auch das Negieren von Schönheit wird im Rahmen dieses Ausstellungsbereichs umfassend thematisiert. Im Kapitel„Im Auge des Betrachters“ werden bemerkenswerte Ähnlichkeiten in verschiedenen Kulturen und Zeitepochen aufgespürt, die belegen, dass ästhetisches Empfinden weniger subjektiv ist als gemeinhin angenommen.

Schönheit hat auch ein transformatorisches Potenzial, die Welt zu verbessern, wie im Ausstellungsbereich „Transformierende Schönheit“ verdeutlicht wird. Das zeigt unter anderem die Installation From Garbage to Functional Beauty: Der französische Designer Thierry Jeannot schafft gemeinsam mit mexikanischen Müllsammler einen wunderschönen Kronleuchter aus Plastikmüll. Mit der VR–Installation Tyranny of the Tool, von Florian Hönig und Michael Sänger von Unbound Technologies, können Besucher ihre ganz eigene Skulptur im virtuellen Raum erschaffen. Die Ausstellung schließt in Frankfurt mit einigen neuen Stationen, die Sagmeister &Walsh speziell für das Museum Angewandte Kunst entwickelt haben. Zum einen findet man hier während der Ausstellungslaufzeit anstelle der Dauerpräsentation Elementarteile eine neuartige Zusammenstellung von museumseigenen Sammlungsobjekten, die Sagmeister & Walsh ausschließlich in Hinblick auf ihre formale Qualitäten ausgewählt haben.

Dieses Best-of des Museum Angewandte Kunst, das man im letzten Kapitel „Contemplating Beauty“kennenlernt, basiert nicht auf den lesbaren Erfolg einer Plakatkampagne oder darauf, dass eine Lampe ausreichend Licht spendet, sondern auf den Genuss und die Freude, die man im Anblick dieser Objekte empfindet. Mit Creating Beauty kann man dem Schweizer Grafiker Martin Woodtli bei der Entstehung einer Plakatkampagne über die Schulter schauen.

Das abschließende Crescendo der sinnlichen Suche nach Schönheit bietet die Installation Liminal Architecture von Philip Beesley: Basierend auf der jahrelangen Forschung des kanadischen Architekten, mit der er die Grenzen zwischen Natur und Technologie miteinander verschränkt, ist eine Reihe von raumgreifenden Skulpturen  entstanden. Er kombiniert zeitgenössische Materialien und digitale Herstellungstechniken zu einem menschlichen Ganzen. Die von der Decke hängende Installation im Museum Angewandte Kunst besteht aus großgewachsenen, pflanzenähnlichen Strukturen aus Glas, Polymeren und Metallen.

DAS UNABHÄNGIGE FORUM FÜR INDIVIDUALITÄT, EIGENSINN UND STIL
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